Eine Einschätzung des Wirkens Normann's aus dem Jahr 1943

[20.12.2011]

Walter Greiling, "Chemie erobert die Welt", S. 168-172

Der Lever-Konzern ist zu einem Unternehmen in der Größenordnung zwischen 200 und 300 Mill. Mark geworden, das alljährlich 10 bis 20 Mill. Mark Gewinn abwirft. Da legte die Erfindung eines bescheidenen deutschen Chemikers den Grund zur nochmaligen Ausdehnung des Konzerns auf fast das Zehnfache. Das billigste Öl, das es damals gab, war der Waltran. Er kostete nur 15 bis 25 Mark je 100 kg. Dieses Öl war aber weder für die Seifengewinnung noch für die Margarineindustrie brauchbar, da es ganz flüssig war und eine zu starke Beimischung von dem teuren Talg erfordert hätte. Auch die übrigen billigen Öle hatten alle den Nachteil, daß sie verhältnismäßig viel flüssige Ölsäure und wenig feste Stearinsäure enthielten.

Nun gelang es einem deutschen Chemiker, aus diesen flüssigen Ölen mit geringen Kosten hartes Fett zu machen. W. Normann ist als Chemiker in einer kleinen Fabrik, welche Maschinenfette herstellt, zu Herford bei Bielefeld angestellt. Gegen Ende des Jahres 1900 liest er in der "Chemiker-Zeitung", daß es Sabatier gelungen sei, katalytisch Wasserstoff an leicht flüchtige Teeröle anzulagern. Stirnrunzelnd liest er weiter, daß dieses Verfahren nur bei verdampfbaren organischen Verbindungen anwendbar sei, da sonst der Katalysator seine Wirksamkeit verliere. Normann glaubt das nicht, sondern meint, daß der katalytische Vorgang auch in der flüssigen Phase möglich ist. Sofort beginnt er mit einem Versuch.

Er nimmt einige Gramm reine Ölsäure, füllt sie in ein Reagenzglas, versetzt sie mit frisch reduziertem Nickelpulver und leitet Wasserstoff hindurch. Sofort beim ersten Versuch dieser Art stellt er fest, daß die Ölsäure durch Wasserstoffanlagerung sich in Stearinsäure verwandelt hat. Die theoretischen Grundlagen des später Fetthärtung genannten Verfahrens sind damit gefunden. Erst im Jahre 1902 entschließt sich Normann, ein Patent darauf anzumelden. Nirgends aber finden sich in Deutschland chemische Fabriken, welche auch nur den Versuch unternehmen wollen, das neue Verfahren in einer größeren technischen Anlage zu erproben.

Die englische Seifenfabrik Jos. Crosfields & Sons, Ltd., in Warrington hat es erleben müssen, wie unmittelbar vor ihren Toren der Lever-Konzern groß geworden ist. Es ist ihr höchst peinlich, jetzt gezwungen zu sein. sich unter die Herrschaft des Mannes zu begeben, dem sie früher das Zustandekommen eines Bankkredits verhindert hat. Sie sucht das unter allen Umständen zu vermeiden, Sie stürzt sich lieber in chemische Experimente. Als sie von dem Patent des unbekannten deutschen Chemikers erfährt, entsendet sie ihren eigenen Chemiker E. C. Kayser nach Herford, um sich über das Verfahren zu unterrichten. Das Ergebnis ist: Normann wird bewogen, für kurze Zeit nach England zu kommen und dort die erste Versuchsanlage mit einer Tonne Nutzfüllung zu bauen. Diese Anlage arbeitet mit guten Ergebnissen.

Inzwischen sind aber Crosfields doch im Juli 1906 im Lever-Konzern aufgegangen. Erst 1909 kommt das unter Levers Leitung stehende Werk wieder auf das Verfahren zurück, weil befürchtet werden muß, daß ihnen sonst Amerika zuvorkommt. Dem Chemiker Kayser hat es zu lange gedauert. Er hat seinen Vertrag gelöst und ist nach Amerika gegangen, um dort die Fetthärtung bei der größten amerikanischen Seifenfabrik Procter & Gamble in Cincinnati durchzuführen. Mit Mühe hat auch Normann es erreicht, daß die Herforder Fabrik eine kleine Versuchsanlage einrichtet. Sie wurde von allen Seiten besichtigt, und ein russischer Chemiker hat bereits wesentliche Einzelheiten dort entnommen und sie sich seinerseits patentieren lassen. Das war im Jahre 1908. So beeilt sich denn jetzt die englische Firma Crosfields, in Deutschland und England Patente zu nehmen und die erste große Fetthärtungsanlage im Rahmen ihrer Seifenfabrik einzurichten. Auch sie übernimmt dabei die Erfahrungen der Herforder Anlage, ohne sich weiter um den deutschen Erfinder zu kümmern.

Der Lever-Konzern aber hatte einen neuen Trumpf in der Hand. Er beherrschte schon die Rohstoffe für die Seifen- und Margarineindustrie der ganzen Welt. Jetzt müssen die Wettbewerber von ihm auch noch Patente nehmen. Schicht in Aussig ist der erste. Die Fetthärtung verbilligt die Rohstoffe der Kernseifenerzeugung nochmals auf mindestens die Hälfte. Sie gewinnt aber noch größere Bedeutung für die Margarineindustrie, die jetzt erst ihr Erzeugnis zu einem Preis verkaufen kann, der es ihr ermöglicht, erfolgreich mit den natürlichen Fetten, Butter, Schmalz und Speck, in Wettbewerb zu treten. Margarine konnte schon zu einem Drittel des Butterpreises und zur Hälfte des Schmalzpreises geliefert werden.

Als "Vater der Margarine" muß Napoleon III. bezeichnet werden. Er wollte die Butter bei seinen Soldaten einsparen und beauftragte den Chemiker Mouries, Rinderfett in Kunstbutter zu verwandeln. Dessen Methode war ziemlich einfach. Er schmolz das Fett, entfernte alle Bestandteile, die bei 25 Grad Celsius wieder fest wurden, und verbutterte den Rest zusammen mit Milch unter Zusatz von Pflanzenölen. Der Holländer Anton Jurgens erwarb schon 1871 das Verfahren, um seinen Butterhandel durch Margarineherstellung zu ergänzen. Um 1895 nahmen auch die in England und Holland zugleich ansässigen Gebrüder Van den Bergh die Margarineherstellung auf. Die Margarine wurde aber lange Jahre hindurch nur wenig und ungern gekauft. Das wurde anders, als die Fetthärtung einen viel größeren Zusatz von billigen Pflanzenölen, von Erdnußöl und Sojabohnenöl erlaubte und es auch gelungen war, den noch billigeren Waltran geruchlos zu machen.

Die holländischen Margarinehersteller Jurgens und Van den Bergh sahen sofort die Aussichten, die die Margarine hatte, wenn sie im Geschmack erheblich verbessert und zugleich im Preis verbilligt war. Sie nahmen daher die Patente vom Lever-Konzern, an den sie von nun ab in doppelter Abhängigkeit über den Rohstoff und über die Lizenzen gebunden waren. Keine 20 Jahre später waren sie schon gezwungen, sich mit diesem Konzern zu vereinigen. Inzwischen aber erlebte die Margarineindustrie einen gewaltigen Aufstieg.

Vergeblich hatte Normann den wenigen damals vorhandenen deutschen Speisefett- und Margarineherstellern das Verfahren der Fetthärtung angeboten. Sie wollten davon nichts wissen. Aber schon wenige Jahre später mußten sie sehen, wie die holländischen Jurgensfabriken in Emmerich auf deutschem Boden die Ölwerke Germania gründeten und zugleich auch Van den Bergh in Cleve eine Margarinefabrik einrichtete. Jurgens war so klug, den deutschen Erfinder Normann zum wissenschaftlichen Leiter der neugegründeten Ölwerke zu machen und so die Fetthärtung sich von demjenigen vervollkommnen zu lassen, der in erster Linie dazu berufen war. Es mußte nun kommen, wie es gekommen ist: Die holländische Margarineindustrie erwarb beinahe ein Monopol in der deutschen Ölmüllerei und Margarineherstellung, und durch sie übte der Lever-Konzern die Kontrolle über den größten Teil der deutschen Öl und Fett verbrauchenden Industrien aus. Im Jahre 1930 entfielen auf den Lever-Konzern 75% der deutschen Margarineerzeugung.

Lever selbst ging folgerichtig kurz nach dem Erwerb der Fetthärtungspatente dazu über, auch den Walfang großzügig zu organisieren, mit dem Ergebnis, daß er im Jahre 1929 73% der Waltrangewinnung der Welt in eigenen und abhängigen Unternehmungen vereinte, neben 40% der Palmkernerzeugung und einem Drittel der Weltkopraernte. Lever, der Beherrscher der Seife und Margarine, ist jetzt nicht nur der Gebieter über die Südsee und der größte Grundbesitzer in den Tropen. Er ist auch der Gebieter der Arktis geworden. Die meisten Menschen, die dort arbeiten, stehen in seinen Diensten. Gegenwärtig verfügt der Lever-Konzern, in Reichsmark umgerechnet, über ein eingezahltes Aktienkapital von 1600 Mill. neben 280 Mill. an Reserven und 154 Mill. an Anleihen. Wie aber Lord Leverhulme - zum Lord geworden, fügte er den Namen seiner Frau seinem eigenen hinzu - 1925 kurz vor seinem Tode in einer Rede bekannt gab, ist der Konzern insgesamt an Hunderten von anscheinend selbständigen Unternehmungen beteiligt, deren Gesamtkapital rund 4 Milliarden RM. umfaßt. Der Jahresgewinn des Lever-Konzerns erreichte 1937 150 Mill. RM. Der gesamte Konzern beschäftigt 200000 Menschen, davon über die Hälfte außerhalb Englands, hauptsächlich auf den Plantagen in Afrika und in der Südsee. In den zahlreichen Gesellschaften und Untergesellschaften des Konzerns sind allein tausend Direktoren beschäftigt.

Die Ziffern einer Jahreserzeugung des Konzerns sind erstaunlich. Der Lever-Konzern stellt in einem Jahr her: 850 000 t Seife im Wert von 530 Mill. RM., weit über 1 Mill. t Margarine im Wert von 555 Mill. RM., 547 000 t Öle und Fette, fast 2 Mill. t Ölkuchen, 88 000 t Glyzerin. Daneben erzeugt der Konzern 250 000 t Papier, von dem der größte Teil in den eigenen Werken wieder verbraucht wird, 55 000 t Konserven und verkauft in seinen Läden rund 200 000 t Fleisch, Fisch, Milch und Geflügel. Von Jahr zu Jahr ist der Lever-Konzern in der Lage, neben dem ausgeschütteten Gewinn von etwa 150 Mill. RM. noch weitere 100 Mill. RM. den laufenden Betriebsüberschüssen zu entnehmen und sich um diesen Betrag weiter auszudehnen, durch Betriebserweiterungen, neue Beteiligungen und Neubauten. Lever hat mit Hilfe der Chemie seine Wettbewerber geschlagen, durch die verbesserte Seifengewinnung und durch die Fetthärtung.

Seine gewaltige Kapitalmacht aber verdankt er dem Rohstoffreichtum der Tropen und des Meeres. Seine 50 000 farbigen Arbeiter sammeln und erzeugen über 2 Mill. t Olfrüchte jährlich. Der gesamte Verbrauch des Konzerns erreicht aber 3 Mill. t. Die paar tausend norwegischen Walfänger und englischen Seeleute, die er beschäftigt, gewinnen aus dem Meer pro Kopf zwanzigmal soviel Öl wie die farbigen Arbeiter. Insgesamt liefert der Walfang mit 350 000 t fast soviel Öl wie die Plantagen. Was diese Öl- und Fettmacht bedeutet, das mache man sich an folgendem klar: Dieser eine englische Konzern des Lord Leverhulme gewinnt mit seinen Plantagen, Entkörnungsanstalten, Sammelstationen, Ölmühlen und Walfangschiffen doppelt soviel Fett und Öl wie die gesamte deutsche Landwirtschaft. Die Margarinefabriken des Lever-Konzerns waren zeitweise für die deutsche Volksernährung so wichtig wie drei oder vier landwirtschaftliche Überschußprovinzen Sie lieferten mehr Margarine und Speisefett als sämtliche deutschen Molkereien an Butter erzeugten. Sie waren auch die unentbehrlichste Stütze der deutschen Milchviehhaltung mit ihren mehr als 1/2 Mill. t Ölkuchen, die sie als Kraftfuttermittel abgaben. - Ölkuchen ist der eiweißhaltige Rückstand, der nach dem Auspressen des Öls aus den Ölfrüchten zurückbleibt.

So sehr hatte das wilhelminische Deutschland das Problem der Ernährungssicherung vernachlässigt. Seine Hauptmittel waren die Getreidezölle und das Branntweinmonopol. Das waren zugleich Stützen für den Großgrundbesitz, dem die Arbeiter davonliefen und der polnische Wanderarbeiter einstellte. Branntwein konnten nur größere Betriebe brennen. Sie hatten dadurch hohe Bareinnahmen und in der dabei abfallenden Schlempe ein Kraftfutter, das ihnen eine Viehhaltung auch bei einseitigem Roggen- und Kartoffelbau ohne die Mehrarbeit des intensiven Futterpflanzen- und Rübenbaus gestattete. Diese Lösung trägt das Merkmal der doppelten Moral, wie viele Erscheinungen der damaligen großbürgerlichen Zeit: "Verdienstlich ist es, Schnaps zu brennen, bedenklich schon, ihn zu verkaufen, höchst unmoralisch, ihn zu saufen.- Das gesunde deutsche Volk trinkt aber von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weniger Schnaps, und so stagniert die Ertragssteigerung auf etwa 40% der landwirtschaftlichen Fläche, die zu Betrieben über 100 ha gehört. Die Bauernhöfe holen zwar durch ihre intensivere Wirtschaft, Grünfutteranbau und verstärkte Viehhaltung mehr Nährwert aus der Fläche, können aber diesen Ausfall nicht wettmachen, und so ist Deutschland bei seiner wachsenden Bevölkerung bald auf die überseeischen Plantagen des Lever-Konzerns angewiesen.

Daß das deutsche Volk sich ausreichend ernähren konnte, hing nunmehr vom Willen der englischen Flotte ab, die jederzeit in der Lage war, dies durch Blockade zu unterbinden. England hat im Kräftespiel allein durch seine Kapital- und Rohstoffmacht wieder einen Stein vorgesteckt. Der Lever-Konzern ist ein Ausdruck der Herrschaft über Meere und Tropen. Aber auch er ist trotz Ankauf von Patenten nicht in der Lage, die England unmerklich entglittene technische Führung wieder zurückzubringen. Die technische Führung aber ist das Wichtigere. Während Deutschland auf technischem Gebiet immer mehr in den Vordergrund tritt, bleibt es aber durch die Rohstoffmacht bedroht. Es ist die Zeit der stärksten Unsicherheit in den Rüstungen infolge der neuen Pulver und Sprengstoffe und der dauernden Verbesserung des Stahls. Es ist die Zeit, die den ersten Keim zum Weltkrieg legt. Am 18. März 1890 muß Bismarck zurücktreten. Am 17. August 1892 schließt Rußland mit Frankreich eine Militärkonvention, die Silvester 1893/94 zum förmlichen Bündnisvertrag ausgebaut wird. In dem gleichen Jahr 1893 erhält Krupp von der chemischen Fabrik Th. Goldschmidt, Essen, die ersten chemisch reinen Metalle zur Stahlveredlung. Kruppstahl ist dadurch auf Jahre hinaus im Vorsprung, und das gerade in dem Augenblick, wo die Güte des Stahls wichtiger ist als die zahlenmäßige Überlegenheit der Flotte. Der Wert der englischen Flotte ungewiß! England nicht mehr mit weitem Abstand an der Spitze der Technik, der englische Anteil am Welthandel im Sinken! Das Schwergewicht dieser Tatsachen lenkt die politischen Köpfe in England langsam in neue Gedankenbahnen. Aus Preußen, dem alten Verbündeten Englands, ist ein mächtiges Deutsches Reich geworden. Dieses Reich ist der stärkste Wettbewerber Englands im Welthandel und kommt ihm an politischer Geltung in der Welt am nächsten. Ein neuer Gegensatz England-Deutschland hebt sich ab. Die Tragik Europas beginnt.