Wilhelm Normann und die Geschichte der Fetthärtung
von Martin Fiedler, 2001

[20.12.2011]

"Was aus einer Sache werden kann, wenn sie in die richtigen Hände kommt"

In den letzten Februartagen des Jahres 1901 führte der Chemiker Wilhelm Normann (1870-1939) im Laboratorium der Herforder Maschinenfett- und Ölfabrik Leprince & Siveke ein Experiment durch, das er wie folgt beschrieben hat: "Ich brachte einige Kubikzentimeter reine Ölsäure in ein Reagenzglas, fügte frisch reduziertes Nickel hinzu und leitete unter Erhitzung im Ölbad auf 160 Grad aus einem Kippschen Apparat Wasserstoff in kräftigem Strom hindurch. Gleich der erste Versuch gelang. Am Erstarren eines mit einem Glasstab herausgenommenen Pröbchens liess sich die Umwandlung erkennen. Die angewandte Ölsäure war praktisch vollständig in Stearinsäure umgewandelt worden. Nach meinen Notizen war dies am 24. Februar 1901, welches somit der eigentliche Geburtstag der Fetthärtung ist."

Der chemische Versuch sollte die Fettchemie und die Fettwirtschaft erheblich verändern: Wilhelm Normann hatte die Grundlage für ein technisches Verfahren zur Hydrierung von Fetten (Fetthärtung) geschaffen, an dessen Urheber, an dessen wissenschaftliche, industrie und vor allem ernährungswirtschaftliche Bedeutung in diesem Beitrag erinnert wird.

"...ganz Kaufmann werde ich nie und nimmer" Daß Wilhelm Normarm seine ersten Versuche über die Fetthärtung in Herford anstellte, geschah nicht zufällig. Seine Mutter Luise, eine geborene Siveke, stammte aus einer alteingesessenen Herforder Kaufmannsfamilie. Ihr Bruder Wilhelm Siveke (1831-1916) hatte dort zusammen mit dem Teilhaber Clement Leprince im Jahr 1868 eine Fabrik für Maschinenfett und Maschinenöle gegründet. Geboren wurde Normann am 16.1.1870 jedoch in Petershagen bei Minden, wo sein Vater Julius Normann eine Anstellung als Rektor der Volksschule angetreten hatte.

Im Jahr 1872 zog die Familie wieder nach Herford. Hier wurde Wilhelm Normann noch zu Ostern 1879 in die Sexta des Friedrichs-Gymnasiums eingeschult. Ein Jahr später nahm sein Vater eine Lehrerstelle in Bad Kreuznach an. Dort besuchte Normann das königliche Gymnasium bis zur Primareife, um am 7.4.1888 wieder nach Herford zurückzukehren, wo er auf Wunsch seiner Eltern in die Firma des Onkels an der Engerstraße eintrat. Unter dessen Obhut sollte Normann eine solide kaufmännische Ausbildung erhalten, wogegen der mehr an technischen und naturwissenschaftlichen Fragen interessierte Lehrling bald rebellierte. Selbst die Aussicht, zu Studienzwecken für einige Monate in das bereits damals recht angesehene Untersuchungslabor von Fresenius in Wiesbaden wechseln zu können, stellte den N eunzehnjährigen nicht zufrieden, der seinem Vater mitteilte: "Ich will weiter, ich will mehr lernen, ich will etwas Tüchtiges werden, und das ist in Wiesbaden unmöglich. Wenn es denn einmal sein soll, daß ich die technische Seite eines Kaufmannsgeschäftes werde - ganz Kaufmann werde ich nie und nimmer -, so will ich es wenigstens so werden, daß ich mich mit meiner Wissenschaft vor anderen und vor mir selbst nicht zu schämen brauche."

Im Herbst 1891 zurück aus Wiesbaden, wo er den Chemiestudenten Wilhelm Meigen kennengelernt hatte, zu dem er eine lebenslange Freundschaft knüpfte, willigte Normann in einige Ausbildungspflichten ein, auf die sein Onkel bestand. So machte er ein Volontariat in der Braunkohlenindustrie im thüringischen Zeitz und belegte ein Semester in der Ölprüfungsabteilung der Königlich Mechanisch- Technischen Versuchsanstalt in Charlottenburg. Daneben arbeitete er weiter in der Fabrik, ohne sich für das Kaufmännische begeistern zu können. Seine Abneigung nahm sogar in dem Maße zu wie seine Sehnsucht nach einem ordentlichen Chemiestudium nicht mehr zu stillen war.

1894 antwortete er seinem Vater, der ihm vorgehalten hatte, daß tüchtige Gelehrte auch über kaufmännische Begabung verfügen müßten: "Sobald ich mich auch einem Fachmann gegenüber nicht zu schämen brauche, mich Chemiker zu nennen, werde ich keine Schwierigkeiten mehr machen, auch kaufmännische Handlungen gelegentlich vorzunehmen. Onkel W. fürchtet, das Gefühl, unzureichende Kenntnisse zu besitzen, würde bei mir immer stärker hervortreten, je mehr Kenntnisse ich erwürbe. Das halte ich selbst nicht für unmöglich, glaube aber, daß das kein Grund sein darf, die wirklich unzureichenden Kenntnisse zu vermehren."

Ein Jahr später hatte sich Normann endgültig durchgesetzt. Er schrieb sich an der Universität Freiburg (Br.) in den Fächern Chemie und Geologie ein. Dass er große Begabung hatte, zeigte sich beim Abschluß, als er ohne Abiturexamen zur Promotion zugelassen wurde. Im Jahr 1900 kehrte Wilhelm Normann mit einem Doktortitel nach Herford zurück, um als Industrie-Chemiker die Leitung des Laboratoriums der Firma Leprince & Siveke zu übernehmen.

Ein Verfahren zur Fetthärtung

Mit der Begeisterung des jungen Forschers suchte Normann in Herford gleich nach Mitteln und Wegen, die Konsistenz der Fette und Maschinenöle zu verbessern, wobei er auf ein altes Problem der Fettchemie stieß, für das er schließlich schon 1901 eine Lösung nachweisen konnte: Wie war es möglich, flüssige Fette zu "härten", d.h. in Fette mit einer besser verwertbaren festen Form und mit einem höheren Schmelzpunkt zu überführen, und welches Verfahren war sowohl einfach genug als auch wirtschaftlich?

Der praktische Nutzen eines brauchbaren Verfahrens zur Härtung von Fetten ergab sich aus dem Rohstoffangebot: Viele pflanzliche und tierische Fette wie Sojaöl, Leinöl, Rüböl, Sonnenblumenkernöl, Baumwollsamenöl, Wal- und Fischöl, die der Weltmarkt in großer Menge und zu günstigen Preisen zur Verfügung stellte, waren flüssig. Jedoch eigneten sich flüssige Fette aufgrund ihrer Konsistenz, ihrer Farbe und ihrer Geschmackseigenschaften nicht zur Verarbeitung für Lebensmittel. Allein mit dem Angebot an verarbeitungsfähigen Fetten, welche die Natur zur Verfügung stellte, hätte der wachsende Bedarf an streichfähigen Fetten für die Ernährung nicht gedeckt werden können. Zwischen 1900 und 1913 stieg der Jahresbedarf der Hauptabnehmer von Fetten, der Seifen- und der Speisefettindustrie, allein in Deutschland von 230.000 auf 550.000 Tonnen. Zur Jahrhundertwende war abzusehen, daß die Knappheit an festen Fetten (Rindertalg etc.) zu einem Preisauftrieb führen würde, wenn es nicht gelang, das natürliche Reservoir an flüssigen Ölen als Rohstoff für die Fettgewinnung zu erschließen.

Zur Jahrhundertwende war den Chemikern längst bekannt, daß sich feste und flüssige Fette durch den unterschiedlichen Sättigungsgrad ihrer Fettsäuren d.h. durch die Anlagerung von Wasserstoffatomen unterschieden. Bislang war es trotz zahlreicher Versuche nicht gelungen, ungesättigte Fettsäuren durch Wasserstoffanlagerung in höher schmelzende und gesättigte Fettsäuren zu überführen. Normann erkannte bald, daß sich dieser Prozeß nur auf dem Wege der Katalyse durchführen ließ, wobei er zur Jahreswende 1900/01 in der "Chemiker-Zeitung" eine letzte Bestätigung für seine Annahme erhielt. In der Fachzeitschrift hatten die französischen Forscher Paul Sabatier und J.B. Senderens mitgeteilt, dass es ihnen gelungen war, Dämpfe ungesättigter organischer Verbindungen (Acetylen, Äthylen und Benzol) bei relativ niedrigen Temperaturen und in Gegenwart von Nickel als Katalysator mit Wasserstoff anzureichern - zu "hydrieren".

Was die kleine Forschungsnotiz ausführte, brachte Normann zur Lösung des Problems der Fetthärtung, das jetzt noch darin bestand, einen Weg zu finden, flüssige Fette oder Fettsäuren in direkten Kontakt mit dem Katalysator zu bringen, ohne daß dieser dadurch unwirksam gemacht wurde: "Sabatier fand ferner, dass die Reaktion sofort aufhörte, wenn das Nickelpulver durch die Reaktionsprodukte feucht wurde. Da mich das Problem der Anlagerung von Wasserstoff an Ölsäure, wenn auch nur in Gedanken, damals schon seit langem lebhaft beschäftigt hatte, erinnerte ich mich derselben beim Lesen der Sabatierschen Entdeckung. Man musste mit Hilfe des Nickels die Ölsäure zu Stearinsäure absättigen können, wenn man sie nur bei den von Sabatier angegebenen Temperaturen zum Verdampfen bringen könnte. Das freilich war ausgeschlossen, (..) Es schien mir jedoch, dass das Aufhören der Wirkung des Katalysators bei seiner Befeuchtung doch wohl kaum eine wirkliche Zerstörung seiner Wirkungskraft sein könne, sondern nur eine Absperrung der Oberflache von den Gasen durch die flüssigen Reaktionsprodukte, und hatte den Gedanken, daß man diese Abschließung doch müsse überwinden können, wenn der Katalysator in einer größeren Menge Flüssigkeit durch heftige Durchmischung seine Berührungsfläche mit der Flüssigkeit und dem Gas fortwährend erneuert."

Diese Versuchsanordnung - flüssiges Fett, ein darin beigemischter fester Katalysator, gasförmiger Wasserstoff - führte Ende Februar 1901 zu dem erwarteten Ergebnis. Die Bedeutung des Verfahrens zur industriellen Anwendung hat Wilhelm Normann sofort erkannt. Am 28.2.1901 teilte seinem Freund Wilhelm Meigen freudig die Entdeckung mit, bat ihn aber zugleich um Diskretion: "Ich habe bei 160 C aus chemisch reiner Ölsäure quantitativ und ohne Verharzung Stearinsäure gemacht !. Ich bitte Dich aber, hierüber mit niemand zu sprechen, denn ich habe starke Hoffnung und versuche dieses Verfahren für die technische Benutzung auszuarbeiten."

Dafür brauchte Normann noch etwas Bedenkzeit. Nachdem er das Reagenzglas mit dem gehärteten Fett über ein Jahr in einem Gestell ruhen gelassen hatte, "sodass es mir immer vor Augen blieb", entschloß sich der Chemiker im Sommer 1902, das Verfahren im Namen der Herforder Maschinenfett- und Ölfabrik zum Patent anzumelden. Inzwischen plagte ihn doch ein wenig die Sorge, die Zeit könnte ihm davonlaufen. Seinen Eltern teilte Normann Ende Juli mit, er sei "mit den Vorarbeiten schon fertig, daß vielleicht ein brauchbares Patent dabei herauskommt, ich fürchte aber aus verschiedenen Gründen, daß nur irgend jemand zuvor kommen könnte, wenn ich die Sache nicht beeile."

Doch viele Rückschlage waren in Kauf zu nehmen und noch zahlreiche technische Probleme zu lösen. Am 23.2.1903 schrieb Normann an Meigen, daß er in der Zwischenzeit die "Freude" erlebt habe, "daß die Reaktion im Reagenzglase sehr schön ging und im Großen gar nicht. Jetzt kann ich wieder von vom anfangen und herausknobeln, woran das liegt." Das Kaiserliche Patentamt erteilte seine Zustimmung im Frühjahr 1903, wobei der Patentanspruch Normanns sehr weit gefaßt war: Er erstreckte sich ganz allgemein auf ein "Verfahren zur Umwandlung ungesättigter Fettsäuren oder deren Glyzeride in gesättigte Verbindungen, gekennzeichnet durch die Behandlung der genannten Fettkörper mit Wasserstoff bei Gegenwart eines als Kontaktsubstanz wirkenden, fein verteilten Metalls."

Die Patentschrift enthielt keine weiteren Ausführungen über die technischen Bedingungen, etwa über die Temperatur, die Menge und den Zustand des Katalysators. Auf seinen Namen hatte Normann auch den Antrag auf ein britisches Patent gestellt, das im gleichen Jahr erteilt wurde. Für alle anderen Industrieländer war - wohl auch aus Kostengründen - kein Patentschutz beantragt worden, ein Versäumnis, das Normann später bedauern sollte.

"Ein Steinchen nach dem anderen..." Der mühsame Weg zur Industriereife

Der Weg vom Laborversuch zur industriellen Reife des Fetthärtungsverfahrens war lang und mühsarn. Die Stärke, seinen Willen auch gegen Widerstände durchzusetzen, hatte Normann schon unter Beweis gestellt, als er dafür gekämpft hatte, den Beruf des Chemikers einzuschlagen. Das jahrelange Ringen um die Anerkennung und um die technische Verwirklichung seines Verfahrens im industriellen Großbetrieb verlangte einen persönlichen Einsatz, der ihm alle Kräfte abverlangte. Wie sehr die Schwierigkeiten an ihm gezehrt haben mußten, die sich ihm nach der Erfindung entgegenstellten, hat Normann im Alter mit einem Anflug von Bitterkeit kommentiert: "Der Kampf aber, der mir die meiste und beste Zeit raubte, war der gegen die lieben Mitmenschen, die sich nun alle - ohne Verdienst - mit an den Tisch setzen wollten, und der Kampf gegen ein völliges Nichtverstehen in der kleinen heimischen Firma. Schmerzlich war es, dass das Vaterland meine Idee nicht aufgegriffen hatte und das Verfahren im Ausland ausgearbeitet werden mußte."

In technischer Hinsicht bestand das größte Hindernis zunächst darin, daß noch kein brauchbares Verfahren gefunden worden war, mit dem Wasserstoff in ausreichender Menge und in relativ großer Reinheit hergestellt werden konnte. So mußte sich Normann zunächst auch mit dem Problem der Wasserstofferzeugung befassen, wofür er im kleinen Maßstab eigene Öfen konstruierte: "Ein Versuch, eine Wasserstofferzeugungsanlage von einer Fachfirma bauen zu lassen, mißlang insofern, als von der einzigen damals in Deutschland bestehenden Fachfirma ein Ofen für eine sehr kleine Leistung, aber für einen so hohen Preis angeboten wurde, daß man den Wasserstoff wohl billiger aus Zink und Schwefelsäure hätte herstellen können. Ich baute daher selbst einen Ofen mit stehenden Retorten, die die Eisenspäne besser ausnutzen als die liegenden, in denen immer nur die oberste Schicht zur Wirkung kam."

Erst einige Zeit später kam der katalytischen Fetthärtung der Fortschritt zur Hilfe, der durch den Bau der Luftschiffe des Grafen Zeppelin ausgelöst wurde, die Wasserstoff in großer Menge für ihren Flugbetrieb benötigten. Auch erwiesen sich Normanns Versuche, die Beschaffenheit und Reaktionseigenschaft des Katalysators zu verbessern, als äußerst zeitraubend. Doch zeigte sich der Forscher bei der Lösung der praktischen Probleme stets als Meister der Praxis, der nicht allein den theoretisch verzierten Wissenschaftler verkörperte, sondern auch den unermülichen Tütler und Techniker, der bei der Anfertigung der benötigten Apparaturen in Herford weitgehend auf sich allein gestellt war. Daß die Fetthärtung bei Leprince & Siveke über das Stadium einer Versuchsanlage nie recht hinauskam, lag an seinem mittlerweile hochbetagten Onkel, dem als Firmeninhaber der Mut fehlte, in die Ausarbeitung des Verfahrens zu investieren. Es bedurfte sogar der Überredung, daß der Kommerzienrat seinem Neffen wenigstens die Erlaubnis erteilte, auf die Suche nach anderen Unternehmern zu gehen, die sich eventuell bereit zeigten, die in einer Schreibtischschublade ruhende Patentschrift gewerblich zu nutzen.

Das mangelnde Interesse der deutschen Industrie bereitete Normann eine nächste und tiefe Enttäuschung. Vorübergehend konnte Normann nur die Aufmerksamkeit einer einzigen Chemiefabrik gewinnen, die nach kurzer Zeit von einer Übernahme des Verfahrens Abstand nahm, als man sich davon überzeugt hatte, daß der Nickel-Katalysator beim wiederholten Gebrauch seine Wirksamkeit einbüßte. Dagegen erkannte die englische Firma Joseph Crosfield & Sons aus Warrington nicht nur die Bedeutung des Normannschen Patentes, sondern zeigte sich wie der Erfinder auch von der Machbarkeit überzeugt, das noch in den Kinderschuhen steckende Verfahren zur großtechnischen Reife zu bringen. Das auf die Herstellung von Seifen spezialisierte Unternehmen war bald nach der Veröffentlichung auf das englische Patent aufmerksam geworden und darauf in Verhandlungen mit Normann und der Firma Leprince & Siveke eingetreten. Der Kontakt wurde dadurch wesentlich erleichtert, daß bei Crosfield mit Karl Emil Markel seit geraumer Zeit ein deutscher Ingenieur für die technische Leitung zuständig war und das Unternehmen außerdem einen deutschen Chemiker namens Kayser beschäftigte.

Kayser kam im Frühjahr 1905 nach Herford, um sich den Stand der Fetthärtung anhand der von Normann durchgeführten Kleinversuche anzusehen. Die Prüfung des Ingenieurs fiel positiv aus: Am 23. Juni 1905 erwarb Crosfield & Sons zunächst die Rechte auf das englische Patent und Normann reiste im Herbst des Jahres zum ersten Mal nach Warrington, um Kayser beim Aufbau der Anlagen und bei den weiteren Versuchen zu unterstützen.

Zwischen 1905 und 1909 pendelte Normann wiederholt zwischen Warrington und Herford. In Warrington konnte 1906 eine erste Großversuchsanlage in Betrieb genommen werden, die für Baumwollsamenöl in Sätzen von 1000 kg ausgelegt war, bereits ein Jahr darauf betrug die Gesamtmenge gehärteter Fette 100 Tonnen. Doch stellte die wissenschaftliche und technische Pionierarbeit, die Crosfield & Sons auf sich genommen hatte, wirtschaftlich eine große Belastung für das Unternehmen dar. Im März 1910 schrieb der Werksleiter George Crosfield an Normann, er müsse gestehen, "daß wir alle miteinander die Schwierigkeiten unterschätzt haben, mit denen wir ziemlich bald konfrontiert wurden, als wir das Verfahren im großen Maßstab in Gang brachten."

Im Juni 1908 hatte die Unternehmensleitung die Flucht nach vorne beschlossen, um mit dem Bau einer neuen und größeren Fetthärtungsanlge alle noch bestehenden technischen Probleme zu meistem. Auch hierzu steuerte Normann zahlreiche Verbesserungsvorschläge bei, die er in seinen weiteren Versuchen in Herford gesammelt hatte. Die neue Großanlage in Warrington nahm im Herbst 1909 ihren Betrieb auf und erzeugte ein Jahr darauf bereits fast 3.000 Tonnen gehärteter Fette, über 6.000 Tonnen im Jahr 1911 und fortlaufend größere Mengen in den folgenden Jahren. Allerdings war der Durchbruch zur Industriereife mit einem Aufwand verbunden, der die finanziellen Ressourcen des Unternehmens nahezu erschöpfte. Um die gewaltigen Investitionen abzusichern, erwarb der englische Hersteller in erneuten Verhandlungen mit Leprince & Siveke im Sommer 1910 auch die deutschen Rechte. In Warrington waren alle beteiligten Chemiker und Ingenieure zu größter Geheimhaltung verpflichtet worden. Die Arbeiter wurden über die technischen Vorgänge in der Härtungsanlage nur sehr oberflächlich informiert.

Für die Geheimniskrämerei gab es gute Gründe. Sowohl Normann als auch Crosfields machten in dieser Zeit die schlechte Erfahrung, daß jeder Wissensvorsprung schnell verbraucht war, zumal sich Dritte nicht davon abhalten ließen, ihrerseits eigene Patentansprüche auf ein Verfahren zur Fetthärtung anzumelden. Ein solcher Anspruch baute zwar in jeder Hinsicht auf den Vorleistungen Normanns auf, begründete aber keinen Rechtsverstoß, zumal die ursprüngliche Patentschrift fast alle technischen Details und Verfahrensfragen offen gelassen hatte und nur für Deutschland und für Großbritannien angemeldet worden war. Der wegen seiner Unzuverlässigkeit in Warrington entlassene Kayser, der Normanns Versuchsanlage in Herford als einer der ersten Fachleute inspiziert hatte, ging postwendend in die Vereinigten Staaten, um der Firma Procter & Gamble sein Wissen über die Fetthärtung anzudienen.

Ziemlich dreist war die Vorgehensweise des russischen Chemikers Wilbuschewitsch, der Normann im Frühjahr 1908 in Herford einen Besuch abstattete, um das Verfahren aus nächster Nähe zu besichtigen. Man kam in einem Abkommen überein, der russischen Firma S.M.Persitz die Rechte für den Bau einer Produktionsanlage in Nischnij Nowgorod zu überlassen, wobei Wilbuschewitsch zu diesem Zweck alle Einzelheiten und Fortschritte aus erster Hand erfahren konnte. Zwei Jahre darauf meldete der russische Chemiker aufgrund verfahrenstechnischer Änderungen, die er in Rußland durchführte, ein eigenes Patent an, das zu Normanns großer Verärgerung im Jahr 1911 von den Bremen-Besigheimer Ölfabriken zum Preis von einer Million Reichsmark erworben wurde. Dagegen hatten die deutschen Hersteller seine Pionierleistung völlig ignoriert.

Zudem waren Normanns Bemühungen erfolglos geblieben, der Herforder Fabrik einen Markt für den Absatz gehärteter Fette zu erschließen. Im Jahr 1907 hatte der Chemiker in Herford einen neuen Apparat für weitere Versuchszwecke mit einer Nutzfüllung von 5 kg konstruiert. In diesem Apparat härtete Normann "ungefähr alle Öle, deren ich habhaft werden konnte", darunter erstmals Walöl, das auf dem Markt als billigster Rohstoff zur Verfügung stand. In enger Fühlungnahme mit Normann wurde im gleichen Jahr in Warrington die Härtung von Walöl eingeführt, wobei sich der Effekt bestätigte, daß der Waltran durch die Härtung geschmacksneutral wurde. Angesichts des großen Vertrauens, das die Engländer in Normann gesetzt hatten, war der alte Firmeninhaber im Frühjahr 1908 schließlich doch dazu zu bewegen, in den Bau einer größeren Anlage auf dem Fabrikgelände an der Engerstraße einzuwilligen, die immerhin eine tägliche Produktionskapazität von 500 kg aufwies und mit dieser Auslegung "die erste fabrikmäßige Härtungsanlage auf dem Kontinent" war.

Doch fand Normann bei den Seifenherstellern der näheren Umgebung keine Abnehmer - zu groß war der Vorbehalt gegen eine Verwendung der Hartfette, mit denen sich die inländischen Fabrikanten erst anfreunden konnten, als ausländische Hersteller diese bereits in großem Umfang und mit Erfolg verwendeten. Für zwei westfälische Margarinefabriken, die Firma Homann in Dissen und Meyer in Lippinghausen, härtete Normann im April 1909 versuchsweise Baumwollsaatöl. Ein wirtschaftlicher Gewinn war damit nicht zu erzielen, zumal Normann hier wiederum Neuland betreten hatte und den Fabrikanten noch die Erfahrung über den Einsatz gehärteter Fette in der Nahrungsmittelherstellung fehlte: "Doch auch dieser Versuch führte nicht zu einer dauernden Verbindung, weil ich die Fette zu weitgehend gehärtet hatte in Unkenntnis der Anforderungen, welche die Speisefettindustrie an das Rohmaterial stellen musste. Die beiden Margarinefabrikanten selbst konnten mir keinen Rat geben, da sie keine wissenschaftliche Leitung hatten und auch nicht wußten, welche Anforderungen sie an die Härtung stellen konnten"

Dennoch war dies der erste Versuch überhaupt, gehärtetes Fett für Nahrungszwecke herzustellen: Ernährungsgeschichtlich öffnete sich mit diesem Datum ein neues Kapitel, das wiederum in Herford und von Wilhelm Normann aufgeschlagen worden war. Es gehörte zur tragischen Seite im Leben des Erfinders Wilhelm Normann, daß er auf rückhaltslose Anerkennung und Unterstützung, die man ihm in Warrington von Anfang an entgegen gebracht hatte, in Deutschland nicht zählen konnte. Seine ganze Enttäuschung bündelte er in einen Brief an Meigen im Frühjahr 1909 in dem Satz: "Ein Steinchen nach dem anderen rollt mir bei der Entwicklung meines Verfahrens in den Weg." Der wirtschaftliche Mißerfolg und ein Zerwürfnis mit seinem Onkel zwang ihn wenige Monate später, die Arbeit bei Leprince & Siveke ganz einzustellen: Am 15.8.1909 trennten sich vorerst die Wege Normanns und des Herforder Unternehmens, das den Betrieb der Anlage im Jahr darauf und damit zu einem Zeitpunkt stillegte, als das Härtungsverfahren kurz vor dem Durchbruch zur industriellen Reife stand: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren in Deutschland bereits sechs Anlagen in Betrieb, neunzehn weitere in England, Österreich, Rußland, Norwegen, Holland und in den Vereinigten Staaten.

Helfer zum Aufstieg der internationalen Margarineindustrie Zweifellos hatte die deutschen Hersteller mit ihrer Zurückhaltung gegenüber Normanns Patent eine Chance verpaßt, sich einen technologischen Vorsprung in der Herstellung und Verarbeitung gehärteter Fette zu sichern. Aus der kleinen Fabrik in Herford hätte unter den gegebenen Umständen jedoch nie "eine Weltfirma" werden können - zu groß waren die Investitionen, die Crosfield & Sons als erstes Unternehmen auf sich genommen hatte, um das Fetthärtungsverfahren im großen Maßstab zu betreiben. Nach seinem Weggang in Herford wirkte Normann wieder in Warrington an der weiteren Verbesserung des Fetthärtungsverfahrens mit, das weniger für die Herstellung von Seifen als für die Herstellung von Speisefetten noch vor dem Ersten Weltkrieg seine eigentliche und bahnbrechende Bedeutung erlangte und den Grundstein für die Expansion der Großunternehmen legte, die über die Patentrechte verfügten und ihren Sitz in Großbritannien und in Holland hatten.

Von Normanns Plänen, gehärtete Fette für die Margarineherstellung zu gewinnen, war es nur noch ein kleiner Schritt, nicht nur pflanzliche Öle, sondern auch Waltran als Speisefett zu härten. Im Jahr 1910 hielt sich Normann wieder bei Crosfields auf, wo im gleichen Jahr die Härtung von Walöl als Grundsubstanz für die Margarineherstellung im großen Stil begonnen wurde. Normann zeigte sich zuversichtlich, daß sich seine Idee als richtungsweisend herausstellen sollte. Meigen teilte er im September mit: "Die Sache an sich geht hier gut, man denkt sogar schon über eine Erweiterung nach- Da sieht man doch, was aus einer Sache werden kann, wenn sie in die richtigen Hände kommt." Bereits zu diesem Zeitpunkt hatten sich weitere Hände nach dem Fetthärtungsverfahren ausgestreckt, darunter die des holländischen Margarineherstellers Anton Jurgens, der seit dem Jahresende mit Crosfields um eine Übernahme der deutschen Rechte an Normanns Patent verhandelte.

Angesichts der in Warrington erzielten Fortschritte hatten die großen Margarinehersteller die Chancen erkannt die das Verfahren bot, das es ihnen ermöglichte, auf ein größeres Spektrum an Rohstoffen zurückzugreifen, die sich durch die Härtung auf eine beliebige Konsistenz und Streichfähigkeit einstellen ließen. Der finanzielle Engpaß, in dem Crosfield & Sons aufgrund der hohen Investitionen in Warrington steckte, erlaubte dem englischen Unternehmen keine Expansion aus eigenen Kräften. Normann, der sich zunächst noch Hoffnung gemacht hatte, als technischer Leiter einer neuen Fetthärtungsfabrik von Crosfield in Deutschland eingesetzt zu werden, durfte im Dezember in London an den Verhandlungen mit Jurgens teilnehmen, die kurz darauf zu einer Einigung führten und Normann einen neuen Arbeitgeber und einen neuen Verantwortungsbereich einbrachten: Zum Jahresanfang wechselte der Chemiker zum holländischen Margarinekonzern, der in Emmerich am Niederrhein die "Ölwerke Germania" gründete, dort die erste großindustrielle Ölhärtungsanlage auf deutschem Boden errichtete und Normann mit der technischen und wissenschaftlichen Leitung betraute. "Sie werden sich freuen zu hören", bestätigte sein früherer Förderer in Warrington die Wertschätzung, auf die Normann auch bei seinem neuen Arbeitgeber zählen konnte, "daß Herr Anton Jürgens mit mir übereinstimmt in der Notwendigkeit, Ihnen absolut freie Hand bei Ihrer Arbeit zu lassen und Ihre Stellung als technischer Leiter der Fabrik sicherzustellen."

Die Inbetriebnahme der Fetthärtungsanlage in Emmerich im Februar 1912 war ein Schachzug, der dem niederländischen Konzern eine Vorherrschaft auf dem deutschen Absatzmarkt sicherte. Bereits am Vorabend des Ersten Weltkriegs lieferte die Anlage jährlich über 20.000 Tonnen gehärteter Öle. Mit einer Jahresproduktion von insgesamt 70.000 Tonnen entfiel auf den Jurgens-Konzem ein Drittel der deutschen Margarineproduktion. In der Fabrikationsanlge der Germaniawerke waren zahlreiche Vorschläge Normanns zur Verbesserung des Verfahrens berücksichtigt worden, die er in Herford und Warrington gesammelt hatte: So wurde das ungehärtete Öl in großen Rührgefäßen mit dem Katalysator vermischt, der nach dem Härtungsprozeß wieder herausgefiltert und weiter verwendet werden konnte. Als Rohstoffe kamen in Emmerich hauptsächlich Baumwollsaatöl und Waltran zur Verwendung. Die Verarbeitung des Walöls wurde in den ersten Jahren streng geheim gehalten, da die Margarineindustrie mit einer weit verbreiteten Abneigung der Verbraucher gegen "Tran" als Grundstoff rechnete. Die für notwendig gehaltene Verschleierung der Inhaltsstoffe kam in der Bezeichnung der gehärteten Speisefette zum Ausdruck, welche die Germaniawerke unter dem Namen "Talgol" auf den Markt brachten.

Der wirtschaftliche Ertrag der Industrie aus Normanns Erfindung war immens. Im Zeitraum von 1910 bis 1913 schaffte die Margarineindustrie den Durchbruch zur industriellen Massenproduktion. Erst die Ölhärtung machte es möglich, daß die 1869 in Frankreich erfundene Margarine zu einem Volksnahrungsmittel wurde. Darüber hinaus leistete Normanns Patent einen großen Beitrag zum Aufstieg eines britisch-niederländischen Weltkonzems, dessen Haupterlös aus der Herstellung von Margarine und Seifen stammte. Das Härtungsverfahren war von solcher Bedeutung, daß sich die größeren Hersteller erst einen heftigen Streit um die Patentrechte lieferten. Der "Normann-Gruppe" um Crosfield und Jurgens, die sich die Rechte an Normanns Patent gesichert hatten, stand um den britischen Lever Konzern und dem holländischen Margarinehersteller Van den Bergh eine Gruppe gegenüber, die auf das etwas modifizierte Verfahren von Wilbuschewitz-Testrup setzte. Zwei Jahrzehnte später fanden sich alle unter dem Dach eines Großkonzems vereint, der 1930 den Namen "Unilever" erhalten hat.

Seine ernährungswirtschaftliche Bedeutung konnte das Härtungsverfahren recht schnell unter Beweis stellen. Eine praktische Bewährungsprobe kam in Deutschland bereits während des Ersten Weltkrieges, als die aufkommende Knappheit an Fetten mit Hilfe dieses Verfahrens zumindest gelindert werden konnte. Zwar erreichte der Versorgungsgrad der deutschen Bevölkerung in den "Rübenwintern" der letzten Kriegsjahre nur noch etwa zehn Prozent des täglichen Fettbedarfes, doch wäre der katastrophale Mangel, bedingt durch den vollständigen Ausfall der Importe, ohne die Härtung von Speisefett aus minderwertigem Tran, aus Rübol und aus schwarzem Rapskuchenöl noch größer ausgefallen.

"Mein Lebensplan.. wird wohl ewig unerfüllt bleiben"

Der Erste Weltkrieg brachte den Chemiker dennoch um die Früchte seiner Arbeit. In der Inflation nach Kriegsende verlor Normann sein ganzes Vermögen, das er sich mit seinen Einkünften in England zusammengespart hatte. Während die großen Magarinekonzerne durch die Ölhärtung auf Jahre hinaus Millionengewinne einfahren sollten, stand der Schöpfer ihres Reichtums anfang der Zwanziger Jahre mit leeren Händen da. Auch bei den Germaniawerken ging seine Tätigkeit zu Ende, als Jurgens das wissenschaftliche Zentrallabor des Konzerns nach Holland verlagerte. Höchst unzufrieden mit der Kürzung seines Arbeitsbereiches dachte Normann ab 1920 über einen Stellungswechsel nach. Der Wunsch nach Veränderung führte ihn noch einmal für fünf Jahre in die Stadt, zu der Normann trotz der längeren Abwesenheit die engsten familiären und freundschaftlichen Bindungen pflegte: Denn aus Herford stammte auch seine Ehefrau Martha Uflerbäumer, die Tochter eines Wäschefabrikanten, die er im Jahr 1916 geheiratet hatte.

Im Frühjahr 1922 nahm Normann das Angebot der Nachfolger von Leprince & Siveke an, in die Geschäftsführung einzutreten. Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland stand diese Entscheidung unter keinem guten Stern: Im September 1924 klagte Normann seinem Freund Meigen, er habe "den Kopf so voll, weil es mit unserem Geschäft so schlecht ging, daß wir uns unter Geschäftsaufsicht stellen mußten." Zum Jahresende mußte Normann seine Tätigkeit aufgeben, um sich zwei Jahre lang als freier Berater für die Industrie zu verdingen, die er mit seiner Erfindung geschaffen hatte. Ein neues Stellenangebot erhielt Normann wiederum aus dem benachbarten Ausland: Die belgische Kolonialgesellschaft machte ihm Anfang 1927 die Offerte, die technische Leitung einer neuen Margarinefabrik, der SAPA ("Societe anonyme des grasses, huiles et produits africaines") in Antwerpen zu übernehmen. Im Sommer 1927 zog Normann mit der Familie nach Belgien.

Die SAPA war jedoch lediglich auf ein kurzfristiges Arbeitsverhältnis mit Normann aus, dessen Wissen nur so lange benötigt wurde, wie der Aufbau und die Inbetriebnahme der Anlagen in Anspruch nahm. Im Alter von nunmehr 58 Jahren zog Normann in Antwerpen im Oktober 1928 eine bittere Bilanz über die Unstetigkeit, die ihn seit gut zwei Jahrzehnten verfolgte: "Es ist so gekommen, wie ich erwartet habe. Nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub erklärte man mir, daß die Leitung der Fabrik bei mir nicht in guter Hand sei und man sich mit mir deswegen über ein "freundschaftliche" Lösung unseres Vertrages auseinandersetzen möchte. Die Härtungsanlage ist nämlich gerade in Betrieb genommen und läuft. Schon seit dem 1. Oktober bin ich außer Tätigkeit. Meine alte Sehnsucht, mein Lebensplan, in älteren Tagen in einem kleinen privaten Laboratorium wissenschaftlich arbeiten zu können, wird wohl ewig unerfüllt bleiben."

Was den verständlichen Wunsch Normanns anging, noch einige Jahre in Ruhe und wirtschaftlicher Sicherheit forschen zu können, war ihm zumindest in seinen letzten Berufsjahren ein versöhnlicher Abschluß vergönnt, der vielleicht als eine kleine und späte "Ehrenrettung der deutschen Industrie" betrachtet werden kann, die seine Erfindung zur Fetthärtung nicht genutzt hat. Im Jahr 1929 erhielt Normann von der Chemiefabrik H. Th. Böhme AG in Chemnitz den Auftrag, an der Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung von Fettalkoholen mitzuarbeiten. Bis 1939 leistete der Chemiker in einem Forschungsverbund zwischen seinem neuen Arbeitgeber und den Deutschen Hydrierwerken in Rodleben bei Dessau erneut einen grundlegenden Beitrag für die Entwicklung eines neuen Produktzyklus der chemischen Industrie. Die mit der Hochdruckhydrierung gewonnenen Fettalkohole waren unter anderem ein wichtiges Ausgangsmaterial zur Herstellung synthetischer Waschmittel. Eine Produktbeschreibung der Böhme Fettchemie, die im Jahr 1935 vom Henkel-Konzern übernommen wurde und das Feinwaschmittel "FEWA" zum Markenprodukt entwickelte, verwies auf die wirtschaftliche Verwertung der Ergebnisse, die der chemischen Industrie in den folgenden Jahren und Jahrzehnten einen neuen und äußerst lukrativen Geschäftszweig einbrachten: "Allen Fettalkoholsulfonaten aber (..) gemeinsam sind folgende Vorzüge: Neutralität in wäßriger Lösung, Netz-, Schaum- und Waschkraft auch in hartem Wasser, Unempfindlichkeit gegenüber Säuren, Alkalien und Salzen. (..)

Mit den Fettalkoholsulfonaten war ein entscheidender Fortschritt erzielt. Nicht allein in Deutschland sprach sich dies bald herum, auch in Holland, Schweden, Italien, Frankreich, überall in Europa und bald auch in Amerika wurde die Neuigkeit vernommen. Ein Weltgeschäft, die Erzeugung syntetischer Waschmittel (..) lief an." Auch ohne diese Forschungsleistung, an der Normann in seiner letzten Lebensphase in Chemnitz beteiligt war, kann seine Wirkung als ein Wegbereiter für weitere Fortschritte der Industriechemie nicht hoch genug veranschlagt werden. Sein grundlegender Beitrag zur Hydrierung von Fetten gab nicht nur den Anstoß für die Erforschung der komplexen Chemie der Öle und Fette, sondern ebnete auch den Weg für eine Vielzahl ähnlicher Anwendungen, die auf der großtechnischen Ausnutzung der Wasserstoffkatalyse aufbauten. Die Herstellung einer großen Zahl von Produkten basiert auf der Anwendung dieses Verfahrens, das auf diese Weise dazu beigetragen hat, die Alltags- und Warenwelt der Konsumenten im 20. Jahrhundert zu verändern. Die Firmenzeitschrift von "Unilever" hat vor einiger Zeit eine Auswahl der Produkte in einer Collage zusammengestellt: Die Palette der Erzeugnisse reicht von zahlreichen Nahrungsmitteln und Kosmetika über Wasch- und Reinigungsmittel bis zu Kerzen, Farben und Papier.

Wilhelm Normann starb am 1.5.1939 in Chemnitz im Alter von 69 Jahren. Der heute fast in Vergessenheit geratene Pionier der Fettforschung ist in Herford beigesetzt worden, im Familiengrab auf dem Friedhof an der Hermannstraße.