Eine Einschätzung des Wirkens Normann's aus dem Jahr 1957

[20.12.2011]

Auszug aus: Herbert Blank, Weltmacht Fett, München 1957

Bald griffen auch die auf den Kontinent arbeitenden Gesellschaften zur Herstellung der Margarine immer mehr auf die Ölfrüchte zurück. Neben dem Antrieb, das immer rarer werdende tierische Fett durch einen anderen Rohstoff zu ersetzen, waren es auch die Preisunterschiede, welche zu dieser Umstellung zwangen. Um 1900 kostete Oleomargarin ca. 40 Pfund pro Tonne. Für Erdnuß jedoch galt ein Tonnenpreis von 11-12 Pfund, für Palmkern von ebenfalls etwa 12 Pfund. Das war eine gewaltige Differenz, selbst wenn man auf diese Einkaufspreise noch die Kosten der Verarbeitung aufschlägt.

1905 stellen sich auch die »Holländischen Margarinewerke von Anton Jurgens, Prinzen & Co.« um. Es war ja nicht nur bei Oss und Goch geblieben; neben den zahllosen Einzelverkaufsläden hatte es noch weit wichtigere Erwerbungen gegeben in Gestalt von Ölmühlen, Raffinerien und zahlreichen Nebenwerken als da sind Kisten- und Kartonfabriken und ähnliches. So wurde jetzt eine nach holländischem Recht bestätigte Aktiengesellschaft geschaffen, - die »Namlooze Vennotschp. Anton Jurgens Vereenigde Fabrieken«. Die beiden Brüder Prinzen zogen sich zurück, so daß es bei dieser Umstellung keine ernsthaften Hindernisse gab. Die neue Firma griff zur Sicherstellung der Rohstoffe auf das damals noch gewaltige niederländische Kolonialgebiet in der Südsee zurück. Die »Erste Macassarsche Oliefabrik« wurde gekauft, wodurch man an die auf Celebes und den Molukken geernteten Kopramengen herankam. Auch im damals zu Deutschland gehörenden Kamerun, an der afrikanischen Westküste, versuchten die Niederländer vor allem Kopra zu gewinnen. Es ist hier unschwer zu erkennen, wie auch über die pflanzlichen Rohstoffe die einzelnen Produktionen sich einander mit wachsender Geschwindigkeit nähern.

Sowohl die Margarine wie auch die Seife von William Lever griffen nach den tropischen Ölfrüchten. Hier mußte bald eine Entscheidung kommen, wenn nicht ein Durcheinander entstehen sollte in der Gewinnung der gemeinsamen Rohstoffe, der Verarbeitung und in ihrem Gebrauch. Die Annäherung zwischen William Lever einerseits und den Niederländern andererseits war auch durch einen anderen Umstand gegeben. Jurgens machte wiederholt Versuche, in England Fuß zu fassen. Die Van den Berghs hatten diesen Erfolg bereits für sich verbuchen können. - Zum anderen griff Lever immer stärker auf den Kontinent über, einmal, um seine Seifenprodukte an die Frau zu bringen, zum andern aber, um sein Unternehmen abzusteifen, das in England Jahre hindurch von einem Kartell der britischen Seifen-Industrie sich bedroht fühlte.

Schon 1898 errichtete William Lever für seine Aktiengesellschaft einen weiteren Betrieb in St. Olten (Schweiz), und im Jahre darauf faßte er in Deutschland Fuß. Am 19. Juli 1899 wurde in Mannheim die deutsche Sunlicht-Gesellschaft gegründet. Deutsche Teilhaber waren, Ludwig Stollwerck von der Schokoladen-Firma Gebrüder Stollwerck in Köln, Rudolf Haas von den Zellstoffwerken in Waldhof, und Wilhelm Preiswerck von der Firma gleichen Namens in Basel. Mit diesem Sunlicht-Unternehmen auf deutschem Boden stehen wir plötzlich mitten in der Gegenwart. Denn eine Anzahl von Reinigungsmitteln, die von den jüngeren Generationen als Erfindungen unserer Tage angesehen werden, sind bereits vor dem Ersten Weltkrieg von jenem Mannheimer Sunlicht-Betrieb herausgebracht worden. 1911 erschien das Putzmittel »VIM«, ein Jahr darauf die LUX-Seifenflocken, und wiederum zwölf Monate später kam NURPUR, eine starke Spezialseife, die außer für die Haushalte besonders für Waschanstalten wichtig wurde. Wir sehen, wie die Produktionen allmählich ineinander verzahnen über Länder und Grenzen hinweg.

Im Hinblick auf Europa sollten bald zwei Begriffe immer fragwürdiger werden: die Begriffe »nationale Industrien« und »Autarkie«. Dies wurde deutlich an dem Schicksal eines einzelnen Mannes, der als Letzter der Großen im Kampf gegen Malthus auftrat. Um die Jahrhundertwende erwies es sich, daß sowohl im Hinblick auf die Ernährung als auch auf die Hygiene Deutschland immer mehr nach vorn kam im Kreise der europäischen Völker. Aus den 40 Millionen Deutschen im Jahre 1870 waren im Jahre 1906 bereits 66 Millionen geworden. - Aber die simple Kopfzahl gab nicht allein den Ausschlag, wenngleich die Furcht vor Malthus durch das einfache Rechenexempel immer wieder ihre stärkste Begründung fand. Arbeiter und Angestellte in allen Ländern begannen, sich durch große Zusammenschlüsse erfolgreich zur Wehr zu setzen, ihre Forderungen nach größerem Anteil am Fortschritt der Welt zu erweitern. Den großen Industrie-Kartellen stellten sich die Gewerkschaften gegenüber, flankiert vom Staat, der durch seine Sozialgesetzgebung immer stärker in das ehedem freie Kräftespiel eingriff. Es ging längst nicht mehr um die bloße Notdurft des Lebens. Es galt nicht nur die Rettung der »Vielzuvielen«, wie Malthus sie nennen mochte. Eine Ahnung stieg auf, daß diese Rettung möglich war, mehr noch, daß der Engpaß durchschritten werden konnte, - wenn man es nur energisch wollte.

Der deutsche Nationalökonom Gustav Schmoller schrieb gegen 1910: »Heute wird man für die obere Hälfte der westeuropäischen und nordamerikanischen Arbeiterfamilien behaupten können, daß die Epoche der Lohnsteigerung für sie stets Anläufe bedeuteten, besser zu essen, besser zu wohnen, ihre Kinder besser zu erziehen, mehr für Hygiene und Bildung zu tun.« Alles dies war vornehmlich in Deutschland gegeben. Hier waren die Arbeiter-Verbände am besten organisiert, hier waren große Gemeinschafts-Werke geschaffen worden, die das Streben der Arbeitnehmer niemals erlöschen ließen. - Man hat den ersten Präsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, nicht nur in bezug auf seine staatsmännischen Fähigkeiten verkannt, sondern kaum jemand gewußt, woher er kam, ehe er 1919 zum deutschen Staatsoberhaupt gewählt wurde. Friedrich Ebert war der Vorsitzende der Bildungs-Ausschüsse der Sozialdemokratie gewesen. Von diesen Bildungs-Ausschüssen gab es ca. sechshundert in Deutschland. Das bedeutete also, daß Friedrich Ebert nicht weniger als sechshundert Schulen und Bibliotheken leitete, die gleiche Anzahl Film- und Projektionsräume dirigierte sowie die entsprechend große Lehrpresse unter seinem Befehl hatte. Von all diesen Ausschüssen erging stets von neuem die Mahnung, nicht abzulassen in den Forderungen nach einem menschenwürdigen Leben! Einem Leben, dessen Minimum im Hinblick auf Schulung, Reisen, Urlaub, Hygiene und Fortbildungsmöglichkeiten immer wieder in diesen sechshundert Lehrzentren gezeigt wurde.

Dies erst macht deutlich, warum um 1900 die Zahlen der Ernährung wie des Seifenverbrauchs so enorm anstiegen. Um 1850 hatte der einzelne Deutsche etwa 12,5 Kilo Fett im Jahr zu sich genommen. Gegen 1900 waren dies bereits 17, zehn Jahre später 18,5 Kilo. Deutlich zu erkennen, daß die Entwicklung nicht stehen bleiben würde. Die drei Kilo Margarine, die der Deutsche um 1910 unter anderen Fettsorten zu sich nahm, würden noch anwachsen. Genau wie der Anteil am Seifenverbrauch, der vornehmlich durch die Medizin gefördert wurde, die jetzt erst die Bakteriologie populär machte und Robert Koch wie Louis Pasteur zum Ruhm verhalf. Was die soziale Bewegung und die Wissenschaft zur Forderung der Massen formulierten, suchte die Industrie zu erfüllen. Hierbei hätte man glauben sollen, daß die Deutschen auf Grund ihrer großen Verbraucherzahlen auch im Hinblick auf die Leitung mehr Einfluß erlangten. Wohlgemerkt, nicht die Deutschen als Nation, sondern eine Gruppe von Deutschen innerhalb des internationalen Teams, das sich immer stärker auf dem Felde der Fettnahrung und der Sauberkeit zusammenzufinden begann. Das Schicksal des Mannes, von dem hier die Rede sein soll, beweist, daß über den individuellen Sonderfall hinaus hier nicht etwa eine einmalige Panne bewirkt hat, die Deutschen in die zweite Linie zurücktreten zu lassen. Es ist an dem, daß die deutschen Mitarbeiter am großen Werk eben nicht den Zugang zu den Rohstoffen besaßen, daß sie in jeder Hinsicht Empfänger und Abnehmer, nicht aber Produzent waren. (Die Erzeugung der Deutschen in den Kolonien fällt bis 1914 kaum ins Gewicht, war überdies auch schon, wie in Kamerun, in andere Hände übergeführt worden).

Die Bevölkerungszunahme in Deutschland und in ganz Europa steigerte immer noch die Nachfrage nach dem neuen Speisefett. Und vorausschauende Köpfe erkannten, daß auch die tropischen Ölfrüchte allein nicht mehr genügen würden; und zwar er im Hinblick auf die Mengen, die für die Produzenten bereitzustellen waren, als in bezug auf die Preisgestaltung. Die Kosten für Ernährung durften nur niedriger werden, aber nicht steigen. ? in fand den Stoff, den man zu den Ölfrüchten hinzutun muß,um diese teilweise zu ersetzen, zum andern, um die Preissteigerung zu bremsen. Dieser Stoff war Fischfett, vor allem Waltran. Kreis schloß sich also, das Tier sprang wieder in die Fettlücke. Was die Billigkeit anlangt, so schlug Waltran alle anderen für Fettproduktion und Seifenherstellung benötigten Rohstoffe, trugen die tropischen Ölfrüchte ein gewaltiges Moment der Verbilligung in sich: der nach dem Preßvorgang verbleibende Ölschlamm oder das Ölschrot wurde von der Landwirtschaft gern als Viehfutter gekauft. Dennoch blieb Walöl immer noch wohlfeiler. Nur ein gewaltiges Hindernis stellte sich dem Gebrauch von Waltran entgegen. Das war sein niedriger, für die Produktion zu niedriger Schmelzpunkt. Es gab auch pflanzliche Fette, deren Schmelzpunkt zu niedrig lag oder die aus anderen Gründen jener Konsistenz ermangelten, die nun einmal nötig war, wenn sie für die Industrie verwendet werden wollte.

Aus diesem Grunde fielen eine Reihe pflanzlicher Fette und jenes vom Wal gewonnene Walöl lange Zeit für die Herstellung der Margarine aus oder konnten nur mit großer Vorsicht verwandt werden. Im ganzen läßt. Im ganzen läßt sich sagen, daß die Margarine bis zum Ersten Weltkrieg in der Komposition immer einen Unsicherheitsfaktor in sich trug, was einer weiteren Verbilligung natürlich entgegenstand. Sowohl Lever als auch Jurgens und Van den Bergh hatten über ihre skandinavischen Verbindungen früh begonnen, auch Waltran in die Produktion hineinzuziehen. 1906 standen dafür 75 000 Barrels zur Verfügung (1 Barrel = 163,5 Liter), aber 1911 waren es schon 600 000 Barrels geworden. Dennoch kämpfte man immer noch mit dem Unsicherheitsfaktor, obwohl dieser bereits 1902 laut Experiment beseitigt war. Doch erst nach dem Weltkrieg sollte sich das Verfahren entscheidend durchsetzen, womit eine Industrie entwickelt wurde, die alles übertraf, was bisher im chemischen Laboratorium geformt worden war. Der große Geist, der durch sein neues Verfahren der Fetthärtung das letzte Tor aufstieß, war der Deutsche Wilhelm Normann.

Es fehlt ein Wasserstoff-Atom

Betrachten wir das Bild dieses Vollenders der modernen Nahrungswirtschaft, des Fettforschers Wilhelm Normann, so möchten wir kaum glauben, daß gerade er uns vorleben mußte, wie viele Hemmnisse, Verwirrungen und sinnlose Belastungen sich einem Erfinder und produktiven Denker in der modernen Zivilisation in den Weg stellen! Ein formvollendetes Antlitz, an dem alles harmonisch zusammengefügt ist. über dem Ganzen aber, vor allem im Umkreis der großen, ruhig forschenden Augen, die Aura der Stärke, der Zielbewußtheit, des Fleißes. Ein ganzer Mann! Wäre er unbekannt, so würde der Betrachter auf einen hohen Offizier in Zivil schließen. Die einstige Schule des deutschen Generalstabs hat nicht einmal viele Proben dieses Typs geliefert, obwohl sie stets dieses Endprodukt zu erreichen suchte durch strenge geistige und körperliche Zucht.

Tatsächlich ist der Ahnherr als Reiterführer mit Gustav Adolf von Schweden anno 1630 über die Ostsee nach Deutschland gekommen und hat durchgestanden im Ringen der folgenden achtzehn Jahre. Die Nachfahren wurden ebenfalls Soldaten, und erst der Großvater schwenkte ab und lernte ein Handwerk. Doch getreu den Zielen des im Biedermeier aufstrebenden Bürgertums mußte der Sohn wiederum »etwas Besseres« werden. Worunter auch ein Schullehrer zu verstehen war, der es zum Rektor brachte, nach der Pensionierung seine Zelte in Berlin abbrach und nach Herford zog, um dort seinen Ruhestand zu verleben. Dies geschah wohl schon in verhältnismäßig jungen Jahren; denn der Herr Rektor widmete sich nicht nur sehr anerkennenswerten schriftstellerischen Arbeiten, sondern er war so aktiv und voller Ideen, daß er in der Herforder Chronik als einer der bedeutendsten Söhne dieser Stadt vermerkt ist. Auch seine Frau holte sich der Präzeptor aus dem alten, einstmals von einer Benediktiner-Abtei gegründeten Ort im Weserbergland.

Luise Siveke wird als eine sehr kluge Frau geschildert, deren Familie schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts in Herford ansässig war. Doch nicht in Herford an der Werra, sondern weserabwärts in Petershagen, wurde am 16. Januar 1870 Wilhelm Normann, der große Chemiker, geboren. Ihm folgte nur noch eine Schwester, mit der sich der Bruder Zeit seines Lebens gut vertragen hat. Es weht eine eigene, den Geist schärfende Luft in jener Landschaft nördlich des Teutoburger Waldes. Dort liegt Hameln, die Stadt voller Sagen, Lemgo ist nahe, wo einstmals der Hexenwahn wütete, und dicht dabei findet man Rinteln, wo eine hochwohllöbliche lippische Alma Mater sich vor 300 Jahren vergeblich mühte, den Hexen mit scharfsinnigen Gutachten den Garaus zu machen. So daß Rinteln den Beinamen »Hexen-Universität« nie mehr loswurde, bis zur Schließung im Jahre 1809. Bauerntum und Bürgerschaft standen stets hoch in diesem Landstrich. Die Familie der Normanns fiel in keiner Weise aus dem Rahmen. Noch heute leben in den kleinen Städten jene mittleren und bescheidenen Unternehmer, Handwerker und Fabrikanten, aus deren Häusern viele Große der Industrie und der Wissenschaft hervorgegangen sind. Um dieser Tatsache willen wird all dieses hier weitläufig berichtet; Männer wie Normann sind keine Zufallsprodukte, genau so wenig wie William Lever eines war, da sie aus einer genau und scharf bestimmten Schicht stammen, welche über die stärksten Kraftreserven und Impulse verfügte.

Der Vater begriff nicht ganz, warum die Mutter seine Entdeckung gelassen hinnahm. Der Herr Rektor hatte während des Sohnes Abwesenheit einmal dessen Skizzenbücher durchgeblättert. Der junge Wilhelm liebte die Natur, bannte alles Lebendige gern aufs Papier und war für Musik empfänglich. Alles in allem eine gute Mischung. Doch inmitten all der Landschaften an Werra und Weser, all den Ausblicken von den Bergen am Ufer über den weiten Strom plötzlich ein befremdliches Blatt: ein schwimmender Walfisch! Das Wasser ist grau, der Fisch ist schwarz, und in hellem Bogen wirft er den Wasserstrahl über sich. Welch Einfall! - Der Rektor schüttelt den Kopf, die Mutter lächelt und erst dem Alternden kann später jemand berichten, daß es wohl Vorahnungen gäbe; denn eben dieses Tier, das der Knabe skizziert, habe der Mann später nutzbar gemacht für Hunderte von Millionen Menschen! An einem Ostertag des Jahres 1888 ist der Wal von allen Beteiligten völlig vergessen. Man sitzt im guten Zimmer und beratschlagt, was mit Jung-Wilhelm werden soll. In der Schule ging wohl nicht alles glatt; der Achtzehnjährige ist im Besitz der Primareife und soll nun zum Bruder der Mutter in die Lehre.

Die Firma Leprince und Siveke in Herford hat eine breite Basis, wie das in kleinen Städten oft zu sein pflegt. Einerseits ist sie Maschinenfabrik, andererseits werden hier auch Fette und Öle verarbeitet. Der Rektor dachte, alle Fliegen mit einer Klappe geschlagen zu haben. Der kaufmännische Beruf bot die Möglichkeit des Vorwärtskommens, vor allem in seiner Kombination mit fabriktechnischen Kenntnissen, und das technische Interesse des Sohnes war damit ebenfalls kompensiert. - Das war ein schulmeisterlicher Irrtum. Der Wilhelm erkannte bald, daß er künftig weder Fisch noch Fleisch sein würde. Die kaufmännische Sparte lag ihm nicht, und im Hinblick auf die Technik mußte die Ausbildung unzulänglich bleiben. »Wenn es denn einmal sein soll, daß ich die technische Hälfte eines Kaufmanns-Geschäftes sein werde, - ganz Kaufmann werde ich nie und nimmer - so will ich es wenigstens so werden, daß ich mich mit meiner Wissenschaft vor anderen und vor mir selbst nicht zu schämen brauche.« - So schreibt er an den Vater, aber es ist vorerst nutzlos. Denn Onkel Siveke ist in solchen Sachen die Familien-Autorität.

Zwar läßt man Wilhelm in der Lehrzeit geistig nicht darben. Er volontiert in einem Betrieb der mitteldeutschen Braunkohle, er hört ein Semester an der Mechanisch-technischen Versuchsanstalt in Berlin-Charlottenburg, aber das alles ist in seinen Augen nur Stückwerk. Als er wieder nach Herford zurückkehren muß, verhehlt er diese seine Ansicht keineswegs. Schließlich dringt er durch. 1895 hört er sein erstes (Sommer-)Semester an der Universität Freiburg. In den Ferien bildet er sich in des Onkels Fabrik weiter aus. In Freiburg hat er Chemie und Geologie belegt. Wer von den Lesern darüber erstaunt ist, daß damals ein junger Mann sowohl hören als auch promovieren durfte, obwohl er das für den Besuch einer Hochschule verlangte Maturum nicht vorweisen konnte, dem sei erklärt, daß man im kaiserlichen Deutschland in bezug auf solche Dinge mehr Witz und Toleranz besaß als das heute, in der Epoche der Examina, leider der Fall ist. Man bedenke doch einmal, wie in jenen Tagen die Unternehmer-Generation erwuchs, von der Deutschland über zwei verlustreiche Weltkriege zehrte!

Als geschulter und zuverlässiger Industrie-Chemiker kehrt Wilhelm Normann nach Herford zurück. Die Ergebnisse von Freiburg bekommt des Onkels Fabrik bald zu spüren. Der Betrieb wird auf eine präzise und mit strenger Kontrolle untermauerte Basis gestellt. Die Verarbeitung konsistenter Fette wird durch ihn verbessert, und was an Ölen für Lacke und Firnis die Fabrik verläßt, hat jetzt ein anderes Aussehen als ehedem. Natürlich kommt Wilhelm Normann auch an jene Frage heran, die damals nicht nur auf dem Gebiete der Nahrungsmittel-Herstellung die dringlichste wurde, - die Frage der flüssigen Fette und ihrer Härtung.

*Wir erinnerten uns, daß Henri Jurgens, genannt »Anton«, bei Beginn der Produktion in Oss Schwierigkeiten hatte, da das Endprodukt sich als zu spröde und hart erwies. Es mochte am Klima liegen, vor allem aber war es die Konsistenz der benutzten Tierfette, die der Produktion Abbruch tat. Denn Rindertalg erstarrt bei 30-38 Grad über Null, Hammeltalg bei 32-45 Grad und Schmalz bei 22-32 Grad. Es bedarf also verhältnismäßig hoher Wärmegrade, um diese Tierfette zum Schmelzen zu bringen. Zu Oss ergriff man das einzig richtige Abwehrmittel: man fügte ein pflanzliches Fett, Olivenöl, hinzu. Dieses Öl erstarrt bereits bei 0 bis +9 Grad. Damit wird für die gesamte Masse der Erstarrungspunkt gesenkt. Im Laufe der Jahre aber wurden die Tierfette aus der Reihe der Rohmaterialien für die Margarine herausgenommen, und immer mehr traten die pflanzlichen Öle in Erscheinung. Bei diesen aber gab es große Differenzen im Hinblick auf ihre Konsistenz. Eine bestimmte Ölgruppe galt deshalb für besonders wertvoll, weil ihr Erstarrungspunkt so hoch liegt:

Copra-Öl + 14-25 Grad
Palm-Öl +31 - 41 Grad
Palmkernöl +19 - 240 Grad

Je umfangreicher aber die Margarine-Produktion wurde, desto größer war das Bestreben der großen Häuser, die Produktion zu verbilligen, um mit der Kuhbutter immer konkurrenzfähig zu bleiben. Es gab eine Reihe sehr wertvoller und trotzdem wohlfeiler Öle, die zur Margarineherstellung durchaus geeignet waren. Das Hindernis lag nur in ihren niedrigen Erstarrungspunkten: Leinöl -18 bis -27°, Mohnöl 15 bis -27°, Sonnenblumenkernöl -16 bis -18°, Sojabohnenöl -8 bis -18°, Sesamöl -3 bis - 6°, Erdnußöl -2 bis + 3°, Rüböl 0°, Baumwollsaatöl +2 bis + 4°.

Auf alle diese Fette mußte der Hersteller verzichten oder konnte sie nur sehr schwer verwenden, denn wenn die Margarine eines dieser Öle enthielt, war sie weder in feste Form zu bringen, noch in wärmeren Gegenden zu lagern. Am schmerzlichsten aber war den Margarine-Fabrikanten der betrübliche Umstand, daß auch ein zu den Tierfetten gehörender Rohstoff aus demselben Grunde unverwendbar blieb, obwohl er der billigste in der Reihe war: das Walöl! Denn sein Erstarrungspunkt liegt bei -10°.

Es gilt, sich über den Charakter des Fettes klarzuwerden. Fett ist eine Verbindung (Ester) zwischen dem dreiwertigen Alkohol, genannt Glyzerin, mit sogenannten Fettsäuren. Die flüssigen Fette enthalten Ölsäure, die schwer schmelzbaren Palmitin- und Stearinsäuren. Der Unterschied ergibt sich aus der mehr oder weniger starken Anreicherung mit Wasserstoff. Wird diese Anreicherung bei den flüssigen Fetten durch Nachhilfe bewirkt, dann werden diese Fette gleichfalls starr. Der Vorgang war natürlich schon ehedem bekannt. Bereits Chevreul hatte den Charakter der verschiedenen Fettsäuren klar beschrieben. - Für einen aus der Industrie kommenden und für die Industrie arbeitenden Chemiker war jedoch deutlich, daß das Verfahren der Anreicherung mit Wasserstoff-Atomen so wirtschaftlich wie nur möglich sein mußte. Wilhelm Normann sollte die Anläufe zu einem solchen Verfahren in jener Zeit kennenlernen. Diese vor ihm bereits erprobte Methode bediente sich des Katalysators.

Der Begriff des Katalysators, zu deutsch »Kontaktstoff «, sollte niemandem unbekannt bleiben; denn wir finden ihn in jeder Sphäre des Lebens. Die Natur operiert meist mit der Eins und der Drei. Die Zwei ist viel seltener, als man glaubt, bildet fast immer nur einen Übergang und wird nur solange geduldet, als sich noch nicht ein Ergebnis eingestellt hat, das mit der Zwei herbeigeführt werden soll. Einheiten sind selten, Polaritäten häufig, und Gegensätze ganz allgemein. Aber viele nicht ausgeglichene oder disharmonisch gewordene Gebundenheiten werden geheilt durch den Dritten. - Das kann sehr weit führen. Das Kind ist, streng genommen, in jeder Ehe so etwas wie ein Katalysator. Dies umso besser und ergiebiger, je weniger es selbst aktiv sein kann, also in seinen hilflosen Säuglings- und Kinderjahren. Es kann nichts zur Ehe hinzutun; aber seine Gegenwart genügt, um die beiden Ehepartner und all ihr Tun sinnvoll werden zu lassen.

Ahnlich läßt die Natur den Katalysator im Reiche der Chemie wirken. Das ist die wissenschaftliche Deutung, die für alle Gebiete des Lebens gültig sein kann: Ein Katalysator ist ein Stoff, der thermo-dynamisch oder chemisch mögliche Reaktionen auszulösen, zu beschleunigen oder zu verlangsamen vermag, ohne sich dabei selbst wesentlich zu verändern, bzw. ohne im Endprodukt einer chemischen Reaktion zu erscheinen.

Die Fetthärtung hatte bereits vor Wilhelm Normann die Fachmänner beschäftigt. Das Problem mußte reizen. Allerdings geht aus keiner Äußerung hervor, daß man sich bewußt war, welche Bedeutung sie nicht nur für die industrielle Chemie, sondern auch für eine Unzahl anderer Gebiete besitzen mußte, wenn es gelang, das Problem zu lösen. Auf welchem Wege Wilhelm Normann erfuhr, wer schon vordem sich auf diesem Gebiete versucht hatte? - Nun, sehr einfach, - durch die Presse. Ende der neunziger Jahre schlug der Junge Mitarbeiter der Firma Leprince und Siveke in Herford die »Chemiker-Zeitung« auf und las, daß die Franzosen Sabatier und Senderens mit Hilfe eines Katalysators Anreicherungen mit dem Wasserstoff-Atom durchgeführt hatten. Die Gelehrten hatten bestimmte organische Verbindungen destilliert, und die Dämpfe in Gegenwart von Nickel zu hydrieren versucht. Nur versucht? Nein, was die Franzosen unternommen, hatten sie bis zum Erfolg durchgeführt.

Paul Sabatier, 1854 geboren, war Professor für Chemie an der südfranzösischen Universität Toulouse. Sabatier hatte bahnbrechende Forschungen über das Wesen der Katalyse und des Katalysators vorgenommen. In jenem Jahre 1902, da Wilhelm Normann sein Verfahren der Fetthärtung zum Patent anmelden konnte, erhielt Sabatier den Nobelpreis für Chemie. 1941 starb der große französische Chemiker. Normann ließ sich damals durch die Berichte der »Chemiker-Zeitung« weder erschrecken noch irritieren. Er erkannte bald, wo der Unterschied lag. Die von ihm behandelten flüssigen Fette ließen sich nicht destillieren. Zum anderen hatten die Franzosen erklärt, daß bei Flüssigkeiten die Wirkung des Katalysators nicht einsetzte. Normann ging anders vor.

Eine Tagebuch-Eintragung vom 27. Februar 1901 läßt das Verfahren deutlich werden: »Chemisch reine Ölsäure wurde mit etwas frisch reduziertem und im H-Strom erkalteten Nickel versetzt, im Ölbade auf ca. 160 Grad erwärmt und durch einen H-Strom kräftig in Bewegung erhalten. Als nach einigen Stunden der Versuch abgebrochen wurde, war die Ölsäure in rein weißes festes Stearin verwandelt.«

Diese 1901 erhärtete Stearinsäure kann der Besucher heute im Deutschen Museum zu München bewundern. Die Formel für dieses Verfahren, das die riesigste Industrie nach sich ziehen sollte, verblüfft durch ihre Kürze: C17H33C0OH + H2 = C17H35COOH Am 14. August 1902 wurde die Erfindung Wilhelm Normanns als Deutsches Reichspatent No. 141 029 im Register eingetragen. Mit Recht wird betont, daß Normanns ureigenes Verdienst in der Anordnung des Prozesses und in der Formenwahl der benutzten Stoffe besteht: flüssiges Fett, fester Katalysator, gasförmiger Wasserstoff! Die Beschreibung in der Patentschrift lautet: »Gibt man feines Nickelpulver, durch Reduktion im Wasserstoffstrom erhalten, zu chemisch reiner Ölsäure, erwärmt im Ölbad und leitet einen kräftigen Strom von Wasserstoffgas längere Zeit hindurch, so wird die Ölsäure bei genügend langer Einwirkung vollständig in Stearinsäure übergeführt. Die Menge des zugesetzten Nickels und die Höhe der Temperatur sind unwesentlich und beeinflussen höchstens die Dauer des Prozesses. Die Reaktion verläuft, abgesehen von der Bildung geringer Nickelseife, die sich mit verdünnten Mitsäuren leicht zerlegen läßt, ohne Nebenreaktion. Dasselbe Nickel kann wiederholt gebraucht werden. Ebenso wie die freien Fettsäuren verhalten sich auch deren in der Natur vorkommende Glyceride, die Fette und Öle. Aus Olivenöl entsteht nach dem beschriebenen Verfahren eine harte, talgartige Masse, ebenso aus Leinöl und Tran. Es lassen sich also auf dem beschriebenen Wege alle Arten von ungesättigten Fettsäuren und deren Glyceride hydrogenisieren.«

Es wurde von ungeheurer Wichtigkeit, daß Normann in seinem Laboratorium bereits 1902 auch Walöl anreicherte. Hierbei fand er, daß durch die Hydrierung auch jener Geruch verschwand, der bisher den Verbrauch des Walöls in der Produktion verhindert hatte. Wilhelm Normann aus Petershagen an der Weser, 32 Jahre alt, hatte es also geschafft!? Keineswegs! - jetzt trat der Teufel ins Spiel. Er brachte jenes nicht zu umschreibende Unglück in das Leben dieses ehrenwerten und bescheidenen Mannes, das bis zu seinem Tode nicht mehr abriß. Jede Erfindung der industriellen Chemie zieht eine Schwierigkeit nach sich, die oftmals noch mühevoller zu bezwingen ist als das Ersinnen des Neuen selbst. Das ist die Transferierung eines neuen Prozesses aus den kleinen Maßen, Apparaten und Gegebenheiten des Erfinder-Labors in die großen, oftmals riesigen Verhältnisse der auf Massen und Rentabilität abgestellten Produktion. Wilhelm Normann jedoch war es beschieden, noch eine Sonderstufe überwinden zu müssen: den Starrsinn und die Ängstlichkeit seines Onkels. Der alte Herr hatte nicht mehr den Mut, das eigene Werk zum Schauplatz einer solchen Umwälzung herzugeben. Er ist auch keineswegs von der Genialität des Neffen überzeugt. Denn wir leben schon in der wilhelminischen Aera, wo man die »Politik des Impressionismus« betreibt, und zwar auf allen Lebensgebieten. Wer etwas vorstellen möchte, wer eben »Eindruck machen« will, schreit sehr laut und anhaltend, und Wilhelm Normann ist ein stiller Mensch, der zwar etwas leistet, aber es nicht austrompeten kann.

So wandert das Patent für einige Zeit in den Schreibtisch des Onkels, und sein geistiger Vater und Eigentümer muß fürchten, daß dieser Schreibtisch eine Art Erbbegräbnis für sein Geisteskind darstellt. Endlich erhält der junge Chemiker die Erlaubnis, die Erfindung anderen Firmen anzubieten. - Da kommt der zweite Schlag. Niemand will das Patent kaufen. Entweder ist man nicht von dem Wert der Fetthärtung überzeugt, oder man glaubt erst gar nicht an diese Möglichkeit, - oder, was zumeist geschieht, - man scheut die Kosten der notwendig werdenden großen Investitionen, die die Fachleute bald erkennen. Es ist Zeit, daß wir aufhören, uns etwas vorzumachen! Heute tun wir mit Selbstverständlichkeit, als wenn wir uns in Riesenbetrieben der Industrie wie zu Hause fühlen, und auch chemische Mammutbauten wie die Leuna-Werke etwa oder Oppau imponieren uns nicht. Meist liegt das nur daran, daß derartige Konstruktionen unser geistiges Fassungsvermögen einfach übersteigen. Aber, selbst wenn wir all diese Errungenschaften geistig und seelisch in uns aufgenommen haben sollten, - seit wann ist dem so? Noch bis zum Ersten Weltkriege war doch Chemie für die Mehrzahl der Menschen so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln. (Schließlich stammt unsere seelische Verstörtheit überhaupt daher, daß wir die ganze Großtechnik seit 1750 in unser Weltbild noch nicht richtig eingefügt haben; nicht einmal das bißchen Autofahren beherrschen wir.)

Der Verfasser hat die Bänke jener Berliner Schule gedrückt, die in Naturwissenschaften führend sein sollte. In der Friedrich-Werderschen Oberrealschule - 1819 als Berliner Gewerbeschule eröffnet - war einstmals Friedrich Wöhler Chemielehrer gewesen, und im Keller zeigte man voll Ehrfurcht etliche Graphit-Töpfe, mit denen Wöhler das erste Aluminium hergestellt haben soll. Aber der Unterricht selbst entbehrte trotz der glänzenden Lehrkräfte doch noch jeden größeren Zuschnitts. Zwar wurde H2S produziert, Seife gekocht und Chlorgas entwickelt, - aber alles roch mehr nach Alchemie als nach moderner Naturkunde. Wie solche Demonstrationen im Chemiesaal etwa in Ludwigshafen, Höchst oder Leverkusen aussahen, davon erfuhren wir nichts. Der Chemie-Unterricht hatte noch Biedermeier-Stil, und die Schüler bewunderten ihren Lehrer, der jede chemische Reaktion, Verbindung oder Auflösung mit einem Faust-Zitat zu begleiten wußte. Es sei zugegeben, daß es das humanistische Gymnasium war, das die großen Techniker und Chemiker hervorbrachte, zugegeben, daß es wohl nur durch diese Schulform möglich war, derlei Geister heranzuzüchten. Auch wissen wir, daß man oben viel weiter sah als unten.

Aber der große Haufen der Deutschen hat den Marsch vom 19. ins 20. Jahrhundert doch nur in sehr kleinen Etappen, mit allerlei Fuß-Krankheiten zurückgelegt. Sonst besäßen wir heute eine eigene Haltung und würden nicht so rapide veramerikanisieren. - Chemie blieb noch lange, als alle Grundlagenforschung schon weit vorangekommen war, im Stadium des Ungewissen, des Experiments, vor allem dann, wenn es galt, Geld zu riskieren. So mußte auch Wilhelm Normann mit seinem Patent ins Ausland gehen; denn in Deutschland wagte keiner, nach seinem Rezept zu arbeiten, obwohl er selbst, wenngleich in verkleinertem Maßstab, in Herford hatte aufbauen können, wie das Ganze in den notwendigen Ausmaßen einmal sich betätigen würde. Es war nicht nur Zufall, daß der Deutsche damit nach England wanderte und daß er unter all den englischen Städten ausgerechnet nach Warrington kam.

Dort hatte William H. Lever fast zwei Jahrzehnte zuvor seine erste Seifenproduktion anlaufen lassen. In Lancashire gab es viele Seifenfabriken, und in Warrington war inzwischen die Firma Js. Crosfield & Sons Ltd. führend geworden. Hier war gewissermaßen klassischer Boden! Im Hause Crosfield & Sons erkannte man sofort die Bedeutung des Normann-Patentes, schloß mit Leprince und Siveke in Herford einen Lizenzvertrag und lud den Erfinder ein, die Apparatur zur Fetthärtung persönlich in Warrington aufzubauen. Dieser folgte dem Ruf der Briten.

Einige Jahre des stillen Aufbaus folgten, und Wilhelm Normann konnte hoffen, sein mit gehärtetem Fett geladenes Lebensschiff bald in den Hafen zu steuern. Aber dann gab es eine häßliche Intrige, ausgeführt von einem Russen namens Wilbuschewitsch, der die Firma Leprince & Siveke in Herford besuchte unter dem Vorwand, einen Vertrag zwecks Ausnutzung des Patents abschließen zu wollen. In Wirklichkeit stahl der Russe das Verfahren und verkaufte es dann an die Bremen-Besigheimer Ölfabriken. Zwar zahlte Bremen-Besigheim dem Fremdling aus dem Osten eine Million Reichsmark für diese »Expropriation der Erfinder«, hatte aber wenig Gewinn davon. Nachdem Crosfield, der sich immer korrekt verhalten, an Lever übergegangen war, wechselte auch Bremen-Besigheim den Besitzer. Das Werk kam an - Anton Jurgens, der das Patent bereits von Crosfield gekauft hatte und in Emmerich die Ölwerke Germania errichtete. Zum Leiter dieses Werkes wurde Normann berufen, wo er von 1910 bis 1920 als Direktor wirkte.

Der Erste Weltkrieg zerschlug dann alles. Normann hatte nur wenige Jahre in Emmerich auf sicherem Boden stehen können, dann kamen Krieg und Inflation, und zu allem Unglück schloß Jurgens seine deutschen Betriebe. Auch ein Versuch, sich nach dem Kriege in Belgien einen neuen Wirkungskreis zu schaffen, scheiterte. - Schließlich wurde Normann zum wissenschaftlichen Mitarbeiter der Böhme-Fettchemie in Chemnitz berufen, in welcher Position er dann am 1. Mai 1939 gestorben ist. Zwar erfuhr er noch, daß die Universität Münster ihm den Ehrendoktor zu verleihen gedachte für seine Verdienste als Naturwissenschaftler, aber zum Festakt selbst kam es nicht mehr. Es schien, als hätten die Nornen als Devise über seinen Lebensweg das gramvolle Wort Friedrich Hebbels gesetzt: »Mal fehlt der Wein, mal fehlt der Becher!«

Sieht man von Gospodin Wilbuschewitsch ab, so ist kaum ein Schuldfaktor zu finden, der mit Recht gebrandmarkt werden könnte, alles Unheil angerührt oder bewirkt zu haben. Es ist die laute Zeit um 1900 die für Männer von Normanns Schlag nicht mehr recht passen will. Es ist der halbe Mut, der zwar Geld machen will, aber nichts wagen möchte. Es sind kleinlebige Verwandte und schließlich eine weltpolitische Katastrophe, die alle zusammen das Leben dieses wirklich großen Charakters verderben. Später wird es eine Normann-Plakette geben; doch es ist bezeichnend, daß sie als Erster nicht ein großer Nachfahre auf dem Gebiet der Fettforschung erhielt, sondern mit Recht der Mann, der für Normanns persönliches Schicksal in seinen letzten Jahren ein Herz besessen hatte.

Blickt man die Entwicklungsreihe durch, so ist mit Erstaunen festzustellen, daß die anno 1902 fertig vorliegende Erfindung mit voller Stärke erst nach dem Ersten Weltkriege ihren Weg machte. Zwar beginnt Crosfield schon im Jahre 1906 mit dem industriellen Großverfahren. 1909 gehen in Warrington wöchentlich 100 t gehärtetes Fett hinaus, und die Anlieferungen an die Fabriken für Margarine setzen ein. Aber sowohl die Margarine als auch die Seifen haben inzwischen doch längst andere Höhen erklommen, und die Fetthärtung hinkt noch lange hinterher. Sokrates soll auf seinen Lehrsatz sehr stolz gewesen sein, der da lautet: »Wenn der Mensch das Gute erkennt, dann führt er es auch aus!« - Es gibt Menschen, die die Gültigkeit dieser These bezweifeln. Zumindest müßte man diese Gültigkeit einschränken durch den Zusatz: »... aber das währt sehr, sehr lange!« Wilhelm Normanns Lebensweg beweist es. - Doch der Deutsche hatte den Kreis geschlossen.

Die Bedeutung des Normann-Patentes liegt darin, daß nunmehr alle ölhaltigen Rohstoffe der Welt für die Produktion der Margarine zur Verfügung standen. Daß es zwischen den einzelnen Sparten der Fettausnutzung keinerlei Überschneidungen oder Auseinandersetzungen mehr geben konnte. »Jedem das Seine!« - Diese Devise ließe sich in humorvollem Sinne auch auf das Gebiet der Fette und Öle übertragen. Jeder Produzent erhielt, was er für seinen Herstellungsgang benötigte.