Über die Erfindung der Fetthärtung. Vortrag Wilhelm Normann 1912

[19.12.2011]

Meine Erfindung zur Fetthärtung machte ich ungefähr ein Jahr vor der Patentnahme aus rein wissenschaftlichem Interesse, ohne zunächst an eine technische Verwertung zu denken. Erst im Jahre 1902 trat ich dem Gedanken der technischen Verwertung und der Patentnahme näher. Nach der Patentnahme beschäftigte ich mich zunächst damit, einen Lieferanten für fertig präparierten Katalysator und eine geeignete Ausführungsform für das Verfahren zu finden. So stand ich z.B. mit der bekannten Firma de Haen in Seelze bei Hannover in Verbindung, mit der sowohl die Herstellung des Katalysators als auch die Übernahme der ganzen Fabrikation erwogen wurde, welches letzteres diese Firma aber schliesslich ablehnte, da sie kein Vertrauen zu der Sache hatte.

Während dieser Zeit war die Firma Crosfield in Warrington durch Lesen der Patentschrift auf das Verfahren aufmerksam geworden und richtete deswegen eine Anfrage an die Firma Leprince u. Siveke, In deren Namen das deutsche Patent genommen war. Der Firma Crosfield wurde zunächst mitgeteilt, dass das Verfahren noch im Laboratoriumsstadium sei. Gleichzeitig schickte ich aber auch ein kleines Muster hartes Fett hin. Die Firma Crosfield hatte jedoch soviel Interesse für das Verfahren gefasst, dass sie sich erbot, auch ihrerseits die Ausarbeitung für den Grossbetrieb in die Hand zu nehmen und schickte zur Einleitung von Verhandlungen einen Chemiker, Herrn E.C. Kayser nach Herford (im Frühjahr 1904?). Im Laufe des Sommers kam dann ein Lizenzvertrag mit Crosfields zustande, der u.a. die Verpflichtung zu gegenseitigem Austausche der gemachten Erfahrungen enthielt.

Da die nun auch in Warrington aufgenommenen Laboratoriumsversuche keine befriedigenden Fortschritte zeigten, es insbesondere weder Herrn Kayser noch mir gelungen war, einen Lieferanten für einen brauchbaren, fertig präparierten Katalysator zu finden, reiste ich im Herbst (1904) nach Warrington, um zunächst die Frage der Katalysatorgewinnung in gemeinsamer Arbeit zu fördern.

Wir konstruierten die erste Modell-Rösttrommel, nach welchem Modell die späteren Röster gebaut wurden, studierten Eigenschaften des Katalysators und lernten die Pyrophorität des Katalysators durch Kohlensäure zu unterdrücken. Nach meiner darauf erfolgten Abreise schritt Kayser zum Bau einer grösseren Anlage, - ich weiss nicht mehr, ob er erst noch weitere Modellapparate baute - und führte, ursprünglich nur zur Erleichterung der Filtration (auf Anregung Dr. Markels ), eine Zumischung von Kieselgur zum Katalysator ein, was sich aber später auch als ein sehr glücklicher Kunstgriff zur Ersparung von Nickel erwies. Auch die Zerstäubung des Öls mit Katalysator, in ganz ähnlicher Weise, wie bei der Wilbuschewitschen Ausführungsform, wurde von Kayser versucht: die Versuche wurden aber wieder fallen gelassen, da sich diese Ausführungsform der vorher und nachher angewandten als unterlegen erwies.

Da Herr Siveke zu grösseren Ausgaben für die immer noch sehr ungewisse Sache nicht geneigt war, konnte ich in Herford ausser einigen Laboratoriumsexperimenten vorläufig nicht viel mehr tun als abwarten, wie sich die grössere Anlage bei Crosfields bewähren würde. Als die Anlage In Betrieb war, reiste ich wieder hin zur Besichtigung (1907). Die Anlage, die ich vorfand, leistete ungefähr 10 Tons wöchentlich; von einem Verdienst konnte aber noch keine Rede sein, da der Wasserstoff noch zu teuer war und die Wiedergewinnung den ausgenutzten Katalysators noch nicht genügend beherrscht wurde. Die Apparatur, welche Kayser ersonnen und aufgestellt hatte, gefiel mir wenig, obwohl sie leidlich arbeitete. Immerhin aber lieferte die Anlage gute Produkte und es gelang mir nach meiner Rückkehr nach Herford mit Rücksicht auf den erhofften hohen Gewinn, Herrn Sivekes Zustimmung zur Einrichtung einer Härtungsanlage von ungefähr 10 Tons Wochenleistung zu erhalten.

Ich hatte daher Anlass, meine Arbeiten zur technischen Ausarbeitung des Verfahrend mit grösserer Energie als vorher wieder aufzunehmen. Ich fand hierbei u.a., dass die Einwirkung des Wasserstoffs unter Druck sehr vorteilhaft sei, und erkannte an verschiedenen Apparatemodellen, die ich bauen liess, dass meine Aussichten über Verbesserungsmöglichkeiten der Crosfield'schen Apparatur begründet seien. Ich reiste jetzt im Frühjahr 1908 nochmals nach Crosfields, um die Anlage mit Rücksicht auf die inzwischen im Laboratorium gefundenen neuen Gesichtspunkte nochmals zu besichtigen und gleichzeitig, um den an Kaysers Stelle getretenen Herrn Fox kennen zu lernen. Im Sommer konstruierte und baute ich dann die Anlage nach meinen eigenen Ideen. Die Anlage unterschied sich von der Crosfield'schen im wesentlichen durch den aufrechtstehenden Härtungsapparat, die Anwendung komprimierten Wasserstoffs und die Wiedergewinnung des angewandten Wasserstoffüberschusses, und ich hatte die Freude, dass sich meine Änderungen und Neuerungen so bewährten, dass Herr C.Crosfield und Mr.Fox sich die Anlage im Nov. 1908 ansahen und dass bei der von Crosfields schon In Aussicht genommenen und vorbereiteten 100 Tons-Anlage die Herforder Apparatur zu Grunde gelegt wurde.

Alle die erwähnten Veränderungen und Verbesserungen erstreckten sich aber immer nur auf die Apparatur, nicht auf das Verfahren selbst. Die sehr wertvolle Unterstützung der Reaktion durch kräftiges Umrühren suchte ich zum Patent anzumelden; doch wurde dieses Gesuch vom Kais. Patentamt zurückgewiesen mit der Begründung, dass das eine ganz selbstverständliche Sache sei (siehe Briefwechsel Patentamt - Brandt u. Fude, z.Z. in Händen des Herrn Utescher). Jetzt handelte es sich aber darum, für das neue Produkt Abnehmer zu finden. Ursprünglich hatte Herr Siveke den Verkauf für sich persönlich vorbehalten. Die Firma Leprince u. Siveke trat auch mit verschiedenen Firmen in Verbindung, und zwar sowohl mit Händlern wie mit Konsumenten, ohne Erfolg zu haben. U.a. erinnere ich mich, dass die bekannte Firma Overbeck in Dortmund das Hartfett ablehnte.

Sehr lebhaft interessierte sich die rührige Firma Sudfeldt in Melle für das Material und schloss mit L. u. S. ein Abkommen, eine Art Verkaufsvertrag mit erheblichen Vorrechten vor anderer Kundschaft. Die Firma Sudfeldt bezog auch einmal oder einigemal je 2000 kg Hartfett, war jedoch weder für ihren eigenen Bedarf völlig von dem Material befriedigt, obwohl es an sich durchaus erstklassig war, noch gelang es ihr, andere Liebhaber dafür zu finden. Ich möchte bei dieser Gelegenheit bemerken, dass die Firma Sudfeldt, obwohl in der "Weltstadt" Melle, wie Curtius sagt, ansässig, in der Tat eine fast weltbekannte Firma ist und als Generalvertreter für den Vertrieb des Twitchellreagens für Europa, Afrika und Asien vielleicht eine der allergeeignetsten Firmen war.

Das Hartfett ist in der Seifen- und Kerzenindustrie unterzubringen. Durch Vermittelung von Sudfeldt besuchte ich die Seifen- und Kerzenfabrik von Siegle in Neuwied, welche mit kleinen Mengen verschiedener gehärteter Fette Versuche gemacht hatte. Man sprach sieh aber ziemlich ungünstig über das Material aus und wollte evtl. nur Preise dafür zahlen, zu deren Erreichung als Selbstkostenpreise damals noch kaum Aussicht war. Eine ganz charakteristische Antwort erhielt ich bei meinem Besuch vom Seifenfabrikanten Kiel in Minden, ebenso wie Siegle keine Weltfirma, aber doch eine für deutsche Verhältnisse sehr respektable Fabrik. Dieser Herr sagte mir etwa: "Es werden in den letzten Jahren so unendlich viel Seifenfette angeboten, die sich alle nicht bewähren, dass wir Seifenfabrikanten gegen jedes weitere Neue das allergrösste Misstrauen haben". Dabei ist hervorzuheben, dass die den verschiedenen Firmen angebotenen Hartfette durchaus erstklassige Fabrikate waren, ebenso gut, wenn nicht noch besser als die heute von Crosfield zu den gleichen Zwecken verwendeten. Man kannte aber damals eben die Eigenschaften dieser neuen Fette noch nicht, wusste nichts Rechtes damit anzufangen und hatte Misstrauen dagegen.

Erst ganz neuerdings, als es bekannt wurde, dass eine englische Firma, nämlich Crosfields, diese Produkte in grossem Umfange und mit bestem Erfolge verwende, regt sich das Interesse für diese Fette. Auch die Firmen Homann in Dissen und Meyer in Lippinghausen, welche zu den grösseren deutschen Margarinefabriken zählen, habe ich besucht und ihnen grössere Proben angefertigt. Doch auch diese Firmen wussten das neue Fett noch nicht erfolgreich zu verarbeiten. Die Herforder Anlage war für eine Wochenleistumg für 10 Tons gebaut; doch hat die Anlage dies niemals zu leisten brauchen, da sich ja keine Abnehmer für das Fett fanden. 10 - 20 Tons gehärteten Fett hatten sich bald angesammelt und mussten schliesslich an Stelle von Talg zum konsistenten Maschinenfett mitverbraucht worden, um nur überhaupt Verwendung zu finden. Obwohl nun Crosfields immer noch nicht über die Herstellungskosten im klaren waren, hatten sie doch soviel Vertrauen zu dem Verfahren, dass sie nicht nur den Entschluss gefasst hatten, die schon erwähnte 100 Tons-Anlage zu bauen, sondern auch den mit der Firma Leprince u. Siveke abgeschlossenen Lizenzvertrag durch einen festen Ankauf des englischen Patents zu ersetzen. Dieser Kauf wurde im Frühjahr oder Sommer 1909 abgeschlossen.

Die Unklarheit über die Herstellungskosten, vielfache Störungen im Crosfield'schen Betriebe dauerten jedoch auch ferner an und waren verursacht hauptsächlich durch die Unvollkommenheit der Anlage zur Wasserstoffherstellung. Wasserstoff wurde bis dahin technisch fast gar nicht verwandt. Die bekannten Verfahren arbeiteten zwar ganz zuverlässig aber teuer. Erst seit den Erfolgen der Lenkluftschifffahrt ist auch das Interesse für die Herstellung billigen Wasserstoffs erwacht; doch steckt das einzige Verfahren, welches In Betracht kommen konnte, noch so in den Kinderschuhen, dass es nicht zu verwenden ist, wenn die Crosfield'sche Anlage, - soviel ich weiss, eine der ersten grösseren Wasserstoffanlagen überhaupt - nicht gut, namentlich aber quantitativ und qualitativ ungleichmässig arbeitete. Auch jetzt ist die Konstruktion der Wasserstofföfen noch keineswegs abgeschlossen. Im Frühjahr 1908 bemühten sich gleichzeitig die russische Firma Persitz durch ihren Direktor Wilbuschewitsch und die holländische Firma Rotterdamsche Soda- und Chemikalien-Fabrik (deren Inhaber nach Herford verwandtschaftliche Beziehungen haben), nicht bei der Firma L. u. S., sondern bei mir um den Erwerb des Verfahrens.

Für die holländische Firma wurde mir von Herrn Dicke die Erlaubnis zum Vertragsabschluss versagt, nach anfänglicher Zustimmung, für die russische Firma dagegen zugegeben. Dieser Vortrag wurde dann später von meiner Seite voll gehalten, von der anderen Seite dagegen voll gebrochen, sodass ich die ausbedungene Vergütung nicht nur nicht erhielt, sondern dass auch die durch den Vertrag vertraulich erworbenen Kenntnisse durch Wilbuschewitsch - Curtius, jetzt gegen mich bezw. meine jetzige Firma ausgenutzt werden sollen.

Im Sommer 1909 bemühte sich auch die amerikanische Firma Joslin Schmidt u. Co. in Cincinnati durch Vermittlung von Sudfeldt wiederum bei mir um das Verfahren. Ein Vertrag kam infolge des Dazwischentretens von Crosfields nicht zustande. Obwohl nun Herr Siveke gegen das Verhandeln mit der russischen und holländischen Firma nichts Prinzipielles einzuwenden gehabt hatte, und obwohl ich mich bei der Verhandlung bezw. den Verhandlungseinleitungen der amerikanischen Firma nicht anders verhielt als bei den beiden vorher erwähnten Firmen, wurde sie doch von Herrn Siveke zum Vorwand genommen, mich zu entlassen. Im August 1909 trat ich also aus der Firma L.u.S. aus und weiss nicht, wie weit sich Lu.S. danach noch um den Verkauf des Hartfettes bemüht haben. Ich habe nur von einem Vertrage mit Cordes-Magdeburg gehört und habe gehört, dass die Fabrikation zwar nur schwach betrieben, aber nicht eingestellt worden ist.