Geschichte und Entwicklung der Fetthärtung

[16.12.2011]

1888-1900 <---> Normann arbeitet bei der Firma "Herforder Maschinenfett- und Ölfabrik Leprince & Siveke" in Herford. Der Inhaber der Firma: Wilhelm Siveke (geboren 1831) ist ein Bruder der Mutter von Wilhelm Normann.
1890-1900 <---> Studium der Chemie an der Universität Freiburg im Breisgau; mit Unterbrechungen, in denen er in der Herforder Firma arbeitet. An der Universität ist sein Freund Wilhelm Meigen Privatdozent für Chemie.
06.03.1900 <---> Promotion
1900-1909 <---> Technische Leitung und Untersuchungen über Fette und Öle bei der Herforder Firma.
1901 <---> las er in der Chemiker-Zeitung von den Versuchen des Franzosen Sabatier, katalytisch Wasserstoff an leichtflüssige Teeröle anzulagern. Sabatier hatte behauptet, daß sein Verfahren nur bei verdampfbaren organischen Verbindungen anwendbar sei. Diese Bemerkung veranlasste ihn, selbst Versuche anzustellen. Er widerlegte die Ansicht von Sabatier, als es ihm am 27.02.1901 gelang, flüssige Ölsäure durch katalytische Hydrierung mit feinverteiltem Nickel in feste Stearinsäure zu überführen: "Fetthärtung".
27.02.1901 <---> Erfindung der Fetthärtung.Eintragung im Tagebuch am 27.02.1901: "Umwandlung von Ölsäure in Stearinsäure: "In Chem.-Ztg. No.13, S.136 findet sich ein kurzes Referat über eine Reaktion des Nickels, wobei das Ni H-übertragend und addierend wirkt". a.) Chem. reine Ölsäure wurde mit etw. frisch reduziertem und im H-Strom erkalteten Nickels versetzt, im Ölbade auf 160 Grad erwärmt und durch einen H-Strom kräftig in Bewegung gehalten. Als nach einigen Stunden der Versuch abgebrochen wurde, war die Ölsäure in reine weisse feste Stearinsäure verwandelt. b.) Grobe Bimssteinkörner wurden mit Nickelnitrat getränkt, erhitzt, im H-Strom reduziert und nach dem Erkalten in den Hals eines Fraktionierkölbchens gebracht. Im H-Strom wurde aus dem Kölbchen Ölsäure (techn.) destilliert. Das Destillat war fast rein weiss, wurde beim Erkalten fest, bestand aber nur teilweise aus Stearinsäure. Die Schicht der Bimskörner war für die Umwandlung aller Ölsäure zu kurz gewesen.
28.02.1901 <---> aus einem Brief an Meigen: "Die beschriebene Eigenschaft des Ni, H-übertragend zu wirken, ist aber richtig. Ich habe bei 160 Grad aus chemisch reiner Ölsäure quantitativ und ohne Verharzung Stearinsäure gemacht ! Ich bitte Dich aber, hierüber mit niemand zu sprechen und die ganze Sache für Dich zu behalten, denn ich habe starke Hoffnung und versuche dieses Verfahren für die technische Benutzung auszuarbeiten."
06.03.1901 <---> Eintragung im Tagebuch: Umwandlung von Ölsäure in Stearinsäure: Der Apparat war diesmal so angeordnet, daß durch eine kleine gläserne Dampfstrahlpumpe das Wasserstoffgas, womit der ganze Apparat gefüllt ist, fortwährend im Kreise herum durch die im Ölbad erhitzte Ölsäure getrieben wird. Der Dampf des Gebläses wird im Kühler kondensiert. Der etwa verbrauchte Wasserstoff ersetzt sich selbsttätig aus dem Kippchen Apparate. Hals und Ansatzrohr des Fraktionierkolbens waren mit Bimssteinstückchen ganz gefüllt, ähnlich wie beim Versuch vom 28. Febr. Die Ölsäure begann erst zu destillieren, als das Ölbad eine Temperatur von über 300° hatte. Ein Verbrauch an Wasserstoff wurde nicht beobachtet, es stieg im Gegenteil der Druck im Apparate, sodass die Na-Lauge (Na-Lauge und FeSO4, um verunreinigendes H2S zurückzuhalten) in der Waschflasche in den H-Erzeuger gedrückt wurde, wohl in Folge nicht kondensierender, gasförmiger Zersetzungsprodukte der Ölsäure. Eine Bildung von Stearinsäure wurde nicht beobachtet.
15.03.1901 <---> Eintragung im Tagebuch: Destillation im kräftigen Wasserstoffstrom, unter Durchleiten der Dämpfe durch Bimssteinstückchen, mit Ni imprägniert. Da das reduzierende Nickel sich stets pyrophor zeigte, wurde diesmal der Nickelbimsstein im Ansatzrohr selbst reduziert, so dass er vor Beginn der Dest. nicht mehr mit Luft in Berührung kam. Nur eine Teil der Ölsäure wurde ich Stearinsäure überführt.
20.03.1901 <---> Eintragung im Tagebuch: Wiederholung des Versuches im Reagenzglas mit technischer Ölsäure. Nach vielstündigem Durchleiten von H bei ca. 200° ist die Reduktion noch nicht vollständig. Es hat sich Ni-Seife gebildet, welche den größten Teil des Ni der Reaktion entzieht.
03.07.1902 <---> Aus einem Brief an Meigen: Sabatier und Senderens von der Acad.d.sc. in Paris haben nach den kurzen Referaten der Chemiker Zeitung gefunden, daß sich im Kontakt mit reduzierten Metallen der Fe-Gruppe, hauptsächlich Nickel, Wasserstoff an ungesättigte Verbindungen addiert. Ich habe früher schon einmal diese Reaktion auf Ölsäure in Anwendung gebracht und dabei glatt und quantitativ Stearinsäure erhalten. (Beschreibung der Versuchsanordnung). Auf andere Öle und Fettsäuren will ich die Reaktion jetzt versuchen. Diese glatte und elegante H-Addition hat mich außerordentlich überrascht. Es scheint als ob andere diese Reaktion noch nicht nachgeprüft hätten, ich glaube aber, daß sie sich noch viel weiter ausdehnen läßt und für Wissenschaft und Praxis noch wertvoll werden kann. Über meine Ölsäure bitte ich Dich vorläufig nicht zu sprechen, bis ich weis, ob was praktisches dabei herauskommt.
30.07.1902 <---> Aus einem Brief an seine Eltern: Ich habe nämlich augenblicklich eine Arbeit vor, ober bin vielmehr mit den Vorarbeiten schon fertig, daß vielleicht ein brauchbares Patent dabei herauskommt, ich fürchte aber aus verschiedenen Gründen, daß mir irgend jemand zuvor kommen könnte, wenn ich die Sache nicht beeile.
14.08.1902 <---> Erteilung des Deutschen Reichspatentes Nr. 141 029 an die Firma "Leprince & Siveke": "Verfahren zur Umwandlung ungesättigter Fettsäuren oder deren Glyceride in gesättigte Verbindungen" (ausgegeben am 04.05.1903). H.P.Kaufmann schreibt 1939: Das Dreiphasensystem: flüssiges Fett - fester Katalysator - gasförmiger Wasserstoff ist Normanns alleiniges und unbestrittenes Erfindergut.
23.08.1902 <---> Aus einem Brief an Meigen: Die Nickel-Fettsäure-Geschichte habe ich zum Patent angemeldet. Zu Auslandspatenten hat mein Onkel keine Lust. Ob ich es wohl auf eigenes Portemonaie wagen soll? Sabatier und Senderens fangen jetzt an zu suchen, was sich sonst noch alles mit der Reaktion machen läßt; es war also für mich höchste Zeit.
1902-1905 <---> Versuche zur praktischen Durchführung der Erfindung und eigenes Ersinnen der dazu benötigten Apparatur bei "Leprince & Siveke" in Herford.
1902 <---> Erste Waltranhärtung in Herford
21.01.1903 <---> Erteilung des britischen Patentes Nr. 1515: "Process for Converting Unsaturatet Fatty Acids or their Glycerides into Saturated Compounds" allein auf den Namen Dr. Wilhelm Normann.
23.03.1903 <---> Aus einen Brief an seinen Freund Meigen: Im Geschäft habe ich neben fortlaufenden Klüngeleien hauptsächlich an der Patentsache und an der Verbesserung unserer Ölraffination zu thun. Zu ersterer versuche ich jetzt meine Reagenzglasversuche in Kg-Gefässen zu wiederholen. Das Patent mußte übrigens am 12. Febr. erteilt sein, worüber ich jedoch noch keine Nachricht habe. Das Patentamt scheint überhaupt sehr "gemütlich" zu arbeiten! In der Raffinationssache habe ich die "Freude" erlebt, daß die Reaktion im Reagenzglase sehr schön ging und im Großen gar nicht. Jetzt kann ich wieder von vorn anfangen und herausknobeln, woran es liegt.
1905-1910 <---> Auf- und Ausbau einer Anlage zur Fetthärtung in der Firma in Herford
18.06.1905 <---> Aus einem Brief an Meigen: Die Fettsache kommt jetzt allmählich auch in Gang, wenn auch sehr langsam.
1907 <---> Ein Herforder Freund von Wilhelm Normann, der Arzt Dr. Kopp, läßt Rizinusöl härten in der Hoffnung, es dann angenehmer einnehmen zu können. Die abführende Wirkung des Rizinusöles geht bei der Härtung jedoch verloren.
23.12.1907 <---> Erste Härtung von Walöl in einer kleinen Modell-Apparatur "in Sätzen von 5-7 Kg, aber in völlig technischer Form" in der Firma in Herford. In der Firma in Herford eine Härtungsanlage für 10t(?) wöchentlich.
1908 <---> Beginn der Härtung in einer Großapparatur für 500 kg bei der Firma in Herford. Härtung von Japantran und anderem.
30.10.1908 <---> Aus einem Brief an Meigen: Mit der neuen Anlage mach ich augenblicklich Probeversuche, meistens blinde Versuch mit wertlosen Material. Nächste Woche soll sie dann endlich arbeiten.
04.12.1908 <---> Aus einem Brief an Meigen:..da mir die Fetthärtungsanlage den Kopf kraus genug macht. Die Anlage arbeitet nämlich jetzt besser als die englische, aber doch noch nicht so wie sie soll. Letzte Woche waren schon zwei Engländer da, um sich die Sache anzusehen und die nächste Zeit hat sich schon mein Russe wieder angekündigt.
08.12.1908 <---> Aus einem Brief an Meigen: Das Patentamt macht mir bei dem Versuch, die Ausführungsform der Nickelkatalyse patentieren zu lassen, Schwierigkeiten.
04.04.1909 <---> Erste Anwendung von gehärtetem Fett in der Speisefettfabrikation: Lieferung von gehärtetem Baumwollsamenöl von Herford aus an zwei deutsche Margarinefabriken.
18.08.1909 <---> Normann scheidet aus der Firma in Herford aus.
1910 <---> Die Firma "Leprince & Siveke" verkauft das Patent Nr. 141029 mit allen Rechten an die Firma "Crosfield & Sons, Ltd." In Warrington.
<---> Erste großtechnische Fetthärtung.
1905 <---> Übernahme des Verfahrens und Ausbau zu einer Großanlage bei der Firma "Joseph Crosfield & Sons Ltd.' (Soaps, Glycerine, Carbosil, Caustic Soda, Silicate of Soda) in Warrington, England. Technischer Leiter: Dr. Karl Emil Markel, Chemiker: Dr. E.C. Kayser.
1905-1907 <---> Erfahrungsaustausch mit der Firma in Warrington, gegenseitige Besuche (Dr. E.C. Kayser) und Tätigkeit in Warrington, um die Grundlagen für den technischen Ausbau des Fetthärtungsverfahrens zu schaffen.
28.11.1905 <---> Aus einem Brief an Meigen: Was in England zunächst zu erreichen war, habe ich glücklich erreicht; im ganzen ist es aber nicht viel, nur die Konstruktion eines Modellofens zur Nickelreduktion.
1906 <---> Die Firma "Crosfield" erwirbt zunächst eine Lizenz und kurz darauf die britischen Schutzrechte. Inbetriebnahme einer Großversuchsanlage in Warrington. Härten von Baumwollsamenöl in Sätzen von 1000 Kg.
1907 <---> Walölhärtung in der dauernd betriebenen Großversuchsanlage in Warrington und Verwendung des gehärteten Walöles in der eigenen Seifenfabrikation der Firma.
08.09.1907 <---> Aus einem Brief an Meigen: In England habe ich 4½ Wochen ausgehalten, 3 Wochen war ich in Warrington. Die Sache geht noch sehr unregelmäßig. Herr Kayser hat die Sache in Händen. Auch über das Interesse anderer Firmen kann ich nicht klagen; wir haben schon verschiedene deutsche und ausländische Firmen abgewiesen, obwohl wir keinerlei Reklame gemacht haben, da wir nun die völlige Ausarbeitung in Warrington abwarten wollen. Leider kann ich meinen Onkel nicht bewegen, der übrigens jetzt sehr wunderlich wird, selbst einige 1000 M in die Sache zu stecken, sonst müßte sie viel weiter sein.
1907 <---> Die Firma "Crosfield" erwirbt auch die deutschen Schutzrechte.
18.04.1909 <---> Aus einem Brief von Markel: Der Nickel-Prozeß hier macht sicherlich Fortschritte, aber wir sind noch weit davon entfernt, damit Geld zu verdienen. .. Die praktischen Schwierigkeiten sind größer als angenommen, es wird Jahre dauern, bis der Prozeß im großen Maßstab ein Erfolg genannt werden kann.
03.08.1909 <---> Aus einem Brief an Meigen: Das englisches Patent haben wir jetzt für eine feste Summe verkauft. Schade, schade, daß die Sache nicht auch noch in anderen Ländern patentiert ist.
20.09.1909 <---> Aus einen Brief an Wilbuschewitsch: Die englische Firma hat übrigens jetzt ihre große Fetthärtungsanlage fertig und härtet damit von heute ab 100.000 kg Cottonöl wöchentlich.
22.10.1909 <---> Inbetriebnahme der industriellen Härtungsanlage in Warrington für 100 t wöchentlich
23.10.1909 <---> Aus einem Brief an Meigen aus Warrington: Die hiesige Firma hat eine Anlage im großen Stil geschaffen, um mein Fetthärtungsverfahren auszuführen. Man will wöchentlich 100 000 kg Fett damit herzustellen.
1910 <---> Verarbeitung gehärteten Walöles zu Speisefett in der Firma in Warrington
07.02.1910 <---> Aus einem Brief von Markel: Die Firma will Wilhelm Siveke ein Angebot für sein Patent machen. Markel hat gehört, daß eine Produktionsanlage in großen Dimensionen in Deutschland geplant sei, zur Härtung von Ölen nach Erdmanns Patent. Er weis aber nicht wo.
1910 <---> Die Firma "Crosfield" erwirbt alle Rechte am Patent Nr.141029 von der Firma "Leprince & Siveke".
24.04.1910 <---> Aus einem Brief an seine Eltern: Der eigentliche Fettprozess läuft hier schon lange tadellos, aber die Gasfabrik leistet nicht, was der Ingenieur versprochen hat.
14.09.1910 <---> Aus einem Brief an seine Eltern: Die Sache an sich geht hier gut, man denkt sogar schon über eine Erweiterung nach. Da sieht man doch, was aus einer Sache werden kann, wenn sie in die richtigen Hände kommt.
12.11.1910 <---> Normann schreibt an Markel: Andererseits zweifle ich nicht an der endlichen Lösung der Frage der Verwendung von gehärteten Fetten für Speisezwecke.
<---> Erste Fetthärtung in Rußland.
1908 <---> Die Firma "S.M.Persitz", Moskau (Inhaber: Selig Morduchowitsch Persitz) unterhält eine Fertigungsstätte mit Ölmühle und Seifensiederei in Nischnij Nowgorod. Deren technischer Leiter Mose Wilbuschewitsch besucht Wilhelm Normann in Herford, um sich in die technische Durchführung des Fetthärtungsverfahrens einweisen zu lassen und eine Lizenz darüber für die russische Firma zu erwerben, nachdem Wilbuschewitsch schon vorher an Hand der Patentschrift in Nischnij Nowgorod Härtungsversuche unternommen hatte.
21.09.1908 <---> Vertrag mit der Firma "Persitz" über die Übernahme der praktisch-technischen Erfahrung mit dem Fetthärtungsprozess gegen Bezahlung.
Dez 1909 <---> Inbetriebnahme der Härtung (Seehundsöl) in der Firma in Nischnij Nowgorod.
30.12.1909 <---> Aus einem Brief von Wilbuschewitsch: Die Härtung von Tran ist jetzt gelungen. Aufforderung, den Anspruch auf Zahlung an die Firma "Persitz" zu erheben, da dies nunmehr berechtigt sei.
24.01.1910 <---> Firma "Persitz" verweigert die Zahlung mit immer neuen Einwendungen.
21.05.1910 <---> Aus einem Brief von Wilbuschewitsch: Es ist nämlich mir gelungen ein gut brauchbares Speisefett (mit bis 33 % (°C ?) ) Schmelzpunkt aus beliebigen Ölen herzustellen. Die Sache soll sehr rentabel sein und habe ich das bei "Persitz" mit Erfolg eingeführt.
12.09.1910 <---> Aus einem Brief von Wilbuschewitsch: Meine Bemühungen Ihrem Interesse nachzukommen hat nur die Sache beschleunigt und dazu geführt, daß ich mich von "Persitz" loszumachen gezwungen fühlte.
10.12.1910 <---> Firma "Persitz" behauptet, daß sie nicht nach Normanns Verfahren arbeitet, sondern nach dem von Wilbuschewitsch und mithin Normann gegenüber zu nichts verpflichtet sei.
21.12.1910 <---> Aus einem Brief an Markel nach einem Gespräch mit Wilbuschewitsch: Persitz härtet jetzt täglich ca. 100 Pud (=ca. 1600 kg ) Öl. Die Apparatur hat Wilbuschewitsch völlig geändert. Alles geht jetzt automatisch und ohne Zuhilfenahme von Arbeitern. Den anfangs widerspenstigen Tran will er durch einen anderen Katalysator bezwungen haben.
31.12.1910 <---> Wilbuschewitsch teilt mit, daß er "seine" Erfahrungen und "sein" Verfahren in allen Kulturstaaten zum Patent angemeldet habe.
<---> Einfluß auf den Weltmarkt für Fette.
<---> Die Bedeutung der Fetthärtung ergibt sich aus der Struktur des Rohwarenangebotes. Die meisten pflanzlichen Fette, mit Ausnahme von Cocos-, Palmkern-, Babassu-, Shea-Fett und Kakaobutter ... sind flüssig. Tierische Fette fallen ebenfalls zu einem bedeutenden Teil, wie z.B. das Wal- und Fisch-Öl, flüssig an. In den Industriestaaten der nördlichen Halbkugel ist man jedoch in erster Linie an plastischen Fetten als Brotaufstrich und zur Herstellung mürben Gebäcks interessiert. Die aufgrund dieses Bedarf entstandene Speisefett und Margarineindustrie hätte allein mit den von der Natur angebotenen konsistenten Fetten nicht den heutigen (1969) Umsatz und die derzeitige Qualität erzielen können, wenn nicht die Erfindung der Fetthärtung weitere Rohstoffquellen erschlossen hätte. Die große wirtschaftliche Bedeutung der Hydrierung sowohl für die Rohstoff- als auch für die Industrieländer geht aber auch daraus hervor, daß die sonst geschmacklich kaum haltbaren Wal- und Fischöle nur durch partielle Hydrierung in großen Umfang für die Ernährung nutzbar gemacht werden konnten. (Aus: Gander Technologie der Speisefette Berlin 1969)
<---> Durch die Vollraffination und die Fetthärtung veränderte sich der Weltmarkt für Fette grundlegend, und der Bedarf verschob sich von den tierischen Rohstoffen mit den USA als Hauptlieferant zu den pflanzlichen Rohstoffen unter anderen aus den Kolonien. Die Nachfrage nach den bereits eingesetzten Rohstoffen Sesam, Baumwollsamen, Kokos und Palmkern stieg durch die Fetthärtung deutlich an. Sesam kam aus China, Baumwollsaat aus Indien, Ägypten und den USA, Kopra aus Indien, Ceylon, den Philippinen, Niederländisch Indien sowie den deutschen Südseekolonien Neu Guinea und Samoa, und Palmkerne kamen aus Britisch-Westafrijka, aber auch aus den westafrikanischen deutschen Kolonien Kamerun und Togo; Neu Guinea, Samoa, Kamerun und Togo wurden in Deutschland deshalb "unsere Ölkolonien" genannt. Weitere koloniale Rohstoffe konnten in die Produktion einbezogen werden: Erdnuß und Soja. Erdnußhartfett wurde auf Grund seiner ausgezeichneten Qualität zur Erzeugung von Spitzensorten von Margarine verwendet. Deutschland importierte Erdnüsse aus Britisch-Indien und Westafrika. Sojabohnen wurden überwiegend in der chinesischen Mandschurei angebaut und ab 1910 in größeren Mengen nach Europa exportiert. (Aus: Pelzer und Reith Margarine Berlin 2001)
<---> Der Weg zu den Ölwerken Germania in Emmerich
1907 <---> "Crosfield" vergibt eine Lizenz an die "N.V. Anton Jurgens Vereenigte Margarinefabrieken".
10.06.1910 <---> Normann schreibt an seine Eltern aus Warrington: Die Sache soll in Deutschland gemacht werden und ich soll dabei eine Stellung finden. Solange, bis das losgeht, möchte man mich aber zum Zwecke des Experimentierens hier behalten. Aus technischen Gründen wird man aber noch etwas mit dem Anfangen in Deutschland warten, so daß sich mein Aufenthalt hier noch einige Monate hinziehen kann.
18.08.1910 <---> Normann schreibt an seine Eltern aus Warrington: Ich bin zwar nicht nominell, aber in Wirklichkeit der Chef eines kleinen, vom großen Untersuchungslaboratorium unabhängigen Experimentierlaboratoriums.
29.08.1910 <---> Normann schreibt an seine Eltern aus Warrington: Ich warte auf eine Entscheidung der Firma Crosfields, mit einer österreichischen Firma in Deutschland eine Fetthärtungsanlage zu bauen, bei der ich eine leitende Stellung bekommen soll.
09.09.1910 <---> Normann schreibt an seine Eltern: Crosfield verhandelt mit einer deutschen Firma in Hamburg über die Einrichtung eine Fetthärtung. In einem Schreiben an diese Firma bezeichnet die Firma Crosfield "das Normannsche Verfahren als die bedeutendste Erfindung, welche im Laufe der letzten Jahre auf dem Gebiet der Fette gemacht worden ist."
23.09.1910 <---> Normann schreibt an seine Eltern: Die Entscheidung in der Crosfieldschen Sache kann erst in einigen Wochen fallen.
25.10.1910 <---> Aus einem Brief an Markel: Ich freue mich zu hören, daß die Verhandlungen mit Jürgens aussichtsvoll sind.
02.12.1910 <---> Normann schreibt an seine Eltern aus London: Heute morgen habe ich mit den holländischen Herren verhandelt; es scheinen sehr nette Leute zu sein und wir sind bald einig geworden. Im Januar solls losgehen.
17.12.1910 <---> Aus einem Brief an Markel: Sie telegraphieren mir, Jürgens-Vertrag gesichert.
01.01.1911 <---> Inbetriebnahme der Härtungsfabrik "Ölwerke Germania" in Emmerich durch den Jurgens-Konzern unter der technischen Leitung von Wilhelm Normann.
28.02.1912 <---> Markel sendet eine notariell beglaubigte Abschrift von der schriftlichen Erklärung Sabatiers über die Neuheit und Wirklichkeit (genuineness) der im Patent von Normann beschriebenen Erfindung.
27.04.1912 <---> Aus einem Brief von Meigen: Normann wünscht einen weiteren Chemiker. "Wenn es aber sein muß, bin ich bereit, Euch meinen jetzigen Privatassistenten Dr.Hugel abzutreten".
16.05.1912 <---> Aus einem Brief von Meigen: Ist Euer Einspruch gegen das Erdmann-Bedfordsche Patent angenommen worden?
25.10.1912 <---> Markel schreibt: Sie werden sich freuen zu hören, daß Herr Anton Jürgens mit mir übereinstimmt in der Notwendigkeit, Ihnen absolut freie Hand bei Ihrer Arbeit zu lassen und Ihre Stellung als Hauptleiter (head manager) der Fabrik sicherzustellen.
1913 <---> In Deutschland stellen 120 Margarinefabriken 262 000 Tonnen Margarine her. (1900 waren es 100 000 Tonnen).
1914 <---> Die Ölwerke Germania produzieren jährlich über 200 000 Tonnen gehärtete Öle (Walöl und andere).
21.12.1919 <---> Aus einen Brief an Meigen: Wir beschäftigen uns in Emmerich zur Zeit nur etwas mit der Raffination von Kokosöl und legen im übrigen jeden Monat schwere Gelder zu. Die mir persönlich unangenehme Folge der augenblicklichen Zustände ist die, daß das mir früher für Emmerich zugesagte Zentrallaboratorium für unseren Konzern jetzt nach Zwyndrecht kommt.... Auf meine persönliche Weiterarbeit scheinen die Herren J. großen Wert zu legen.
04.08.1920 <---> Aus einem Brief an Meigen: Durch die Aufhebung der Zwangswirtschaft mit Margarine sind wir in unserem Werk erfreulicherweise wieder in Tätigkeit gekommen.
21.11.1920 <---> Aus einem Brief an Meigen: Vor dem Kriege härteten wir bis zu 1 Million Kg wöchentlich und richteten uns ein, nach dem Kriege 1 ½ Mill. härten zu können. Soweit sind wir noch lange nicht. Die Tagesleistung kann vielleicht auf 200 000 kg kommen.
1920 <---> Bisher mußte Walöl bis zu einem Schmelzpunkt von 40 °C oder mehr gehärtet werden, um eine in Geruch und Geschmack beständiges, neutrales Walfett zu erhalten. Jetzt konnte man durch verbesserte Vorraffination und verbesserte Führung des Härtungsprozesses ein Walfett mit 30 °C Schmelzpunkt herstellen, das die erforderliche Stabilität hat. Man konnte nun Margarine herstellen, in deren Fettanteil das Walöl überwog.
24.11.1920 <---> Aus einem Brief an Meigen: Habe herzlichen Dank für dein Gedenken an mich betreffs des ev. Stellungswechsels. Ich habe die Herren Jürgens um eine Aussprache gebeten.
06.02.1921 <---> Aus einem Brief an Meigen: Holde (Prof. in Berlin-Charlottenburg) hat Normann sofort eine Stelle als sein Mitarbeiter mit einem festen Gehalt angeboten.
<---> Weitere Inbetriebnahmen von Härtungsanlagen
1910 <---> Beginn der Härtung bei "Procter & Gamble" in Cincinatti in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Anlage wurde von Dr.E.C.Kayser eingerichtet, der von Warrington nach Amerika gewechselt hatte.
1911 <---> Inbetriebnahme der Härtung (Walöl) bei "Georg Schicht A.G." in Aussig, Österreich. Großversuche des niederländischen Jurgens-Konzerns bei der Firma "N.V. Anton Jurgens' Vereenigde Margarinefabrieken" in Oss, Niederlande, zur Verwendung von gehärtetem Walöl für Margarine. Inbetriebnahme der "Ölwerke Germania" in Emmerich durch den Jurgens-Konzern. Verwendung von gehärtetem Walöl für Margarine.
Nov 1912 <---> Inbetriebnahme der Härtungsanlage bei der Firma "Lever Brothers Ltd." in Port Sunlight, England.
Dez 1912 <---> Inbetriebnahme der Härtung durch die "Bremen-Besigheimer Ölfabriken" in Bremen.
März 1913 <---> Beginn der Härtung bei dem "Van den Berg-Konzern" in Zwyndrecht, Niederlande.
Juli 1913 <---> Inbetriebnahme der Härtungsanlage bei der Firma "De Nordiske Fabriker" (De-No-Fa) in Fredrikstad, Norwegen.
1913 <---> 1913 wurden reichlich 200 000 Tonnen Margarine hergestellt. Darin enthalten waren 80 000 Tonnen pflanzliche und 95 000 Tonnen tierische Fette. Die Walölernte betrug 125 000 Tonnen.
05.06.1914 <---> Kongreß der Chemiker in Bonn: (Normann schreibt an seine Eltern:) "Der ganze Kongreß steht unter dem Zeichen der Fetthärtung".
1914 <---> Härtungsanlagen zu Beginn des ersten Weltkrieges (nach Dr. Ernst Hugel, beeideter Handelschemiker, Student und Privatassistent bei Prof. Wilhelm Meigen in Freiburg, Mitarbeiter von Wilhelm Normann bei den "Ölwerken Germania" in Emmerich, später freier Berater für Fetthärtungsanlagen, insbesondere der Firma BAMAG)
  • Deutschland: Emmerich, Bremen-Besigheim, Brake, Charlottenburg, Ammendorf, Berlin-Neukölnn.
  • England: Warrington, Port Sunlight, Sleafort, Leeds.
  • Österreich: Aussig, Krischwitz, Guntramsdorf.
  • Russland: Nishni-Nowgorod, Moskau, St.Petersburg, Jekatarinodar, Wjasma.
  • Norwegen: Fredrikstadt.
  • USA: Cincinnatti, New Orleans, New York, New Jersey, Georgia.
  • Holland: Zwyndrecht.
  • 1914 <---> Walöl ist ein Grundstoff der Margarine und ersetzt Rinderfett
    1916-1919 <---> Anteil des gehärteten Fettes an der Margarine etwa 20 bis 33 Prozent.
    1918 <---> Die verfügbare Menge an Speisefett wurde um die Hälfte vermehrt durch die Genußbarmachung sonst nicht genußfähiger Öle
    23.05.1922 <---> Aus einem Brief von Meigen: Zum Schluß noch einen kleinen Ausblick auf die Bedeutung der Fetthärtung für Deutschland auch etzt noch: tierische Fette reichen nicht aus. Feste Pflanzenfette nur in den Tropen, können wir nicht einführen, da wir keine eigenen Kolonien mehr haben. Bei uns wachsende Pflanzen geben nur Öle, die aus mancherlei Gründen nicht ohne weiteres verwendet werden können. Durch die Härtung werden sie veredelt, haltbarer und brauchbarer.
    1922 <---> Härtungsanlagen (nach Hugel): Deutschland: Emmerich. Brake. Bremen-Besigheim. Ammendorf. Berlin-Neukölln. Harburg (2 Anlagen). Neuss. England: Warrington. Port Sunlight. Sleafort Leeds. London-Docks. Frankreich: Marseille ( 3 Anlagen). Lyon. Holland: Zwyndrecht. Dordrecht. Rotterdam. Delft. Oss. Dänemark: Kopenhagen. Aarhus. Schweden Henriksborg. Hundickvall. Norwegen: Fredrikstadt. Sandefjord. Finnland: 1 Anlage. Sowjetrußland: Nishni-Nowgorod. Rostow. Woronesch. Sarratow. Smolensk. Tschechoslowakei Aussig. Krischwitz. Österreich: Gurtramsdorf. Ungarn: Budapest. Györ. Schweiz: Basel. Thun. Glockental. Spanien: Bilbao. Japan: 3 Anlagen. USA: etwa 20 Anlagen. Brasilien: Pernambuco.
    1936 <---> werden in Deutschland 955 000 Tonnen tierische Fette und 577 000 Tonnen pflanzliche Fette für Nahrungszwecke verbraucht. Der Anteil des Walöles von 120 000 Tonnen betrug 8% des Gesamtfettverbrauches oder 30% des Margarineverbrauches.
    1937 <---> Im Zuge der Bestrebungen nach wirtschaftlicher Autarkie wird auch von Deutschland intensiv Waljagd betrieben. Die deutsche Walfangflotte besteht aus den 7 Schiffen: Jan Wellem, Unitas, Walter Rau, Südmeer, Wikinger, C.A.Larsen und Skytteren. Die deutsche Walfangflotte liefert 91.669 Tonnen Walöl. Alleine 1937/38 werden in der Antarktis insgesamt 46.039 Wale erlegt. Auch in den Folgejahren, nur unterbrochen durch die Zeit des 2. Weltkriegs, werden jährlich mehrere 10.000 Wale gejagt und der Bestand dadurch drastisch reduziert. Erst Mitte der siebziger Jahre sinkt der Walölverbrauch.